Bericht der Vorsitzenden der Heilig-Land-Kommission der Deutschen Statthalterei
Die Lage im Heiligen Land hat sich nach Angaben der Vorsitzenden der Heilig-Land-Kommission der Deutschen Statthalterei weiter verschärft. Informationen aus der Region, insbesondere von Priestern sowie vom Lateinischen Patriarchat von Jerusalem, verweisen auf erhebliche Belastungen für die Bevölkerung infolge des Gazakriegs sowie der aktuellen militärischen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Iran und Libanon.
Das Lateinische Patriarchat von Jerusalem beschreibt die Situation als eine der schwierigsten Phasen der jüngeren Zeit. Der anhaltende Krieg sowie regionale militärische Spannungen beeinträchtigten das tägliche Leben in Gaza, im Westjordanland und in Jerusalem erheblich. Zahlreiche Familien hätten ihre Existenzgrundlage verloren, während sich das wirtschaftliche Leben deutlich verlangsamt habe.
Hoffnungsschimmer verblasst
Nach den Einschränkungen der Corona-Jahre und einem zwischenzeitlichen Waffenstillstand im Gazakonflikt hatte es Anzeichen einer vorsichtigen Erholung gegeben. Touristen und Pilger kehrten teilweise zurück. Für Christen in Bethlehem und Ostjerusalem, deren wirtschaftliche Situation wesentlich vom Tourismus abhängt, verband sich damit die Erwartung einer Stabilisierung.
Diese Entwicklung wurde durch die jüngsten militärischen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Iran und Libanon unterbrochen. Eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung blieb aus.
Verlust der Existenzgrundlagen
Nach Angaben des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem haben zahlreiche Familien ihre wirtschaftliche Grundlage verloren. Die anhaltenden Konflikte wirkten sich unmittelbar auf Beschäftigung und Einkommen aus.
Übergänge nach Palästina geschlossen
Im Westjordanland wird von einem umfassenden wirtschaftlichen Einbruch berichtet. Die aktuellen Entwicklungen führten zur Schließung von Übergängen zwischen dem Westjordanland und Israel. Die Arbeitslosigkeit habe ein historisch hohes Niveau erreicht. Seit Ende 2023 seien nahezu 200.000 Arbeitsgenehmigungen für palästinensische Arbeitskräfte entzogen worden, wodurch zentrale Einkommensquellen weggefallen seien.
George Akroush, Direktor des Projektentwicklungsbüros des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, erklärte, dass auch Lehrkräfte und Mitarbeiter christlicher Einrichtungen betroffen seien. Ein erheblicher Anteil der Beschäftigten in kirchlichen Einrichtungen in Jerusalem komme aus dem Westjordanland. Gleichzeitig seien Arbeitsplätze in Israel teilweise durch ausländische Arbeitskräfte ersetzt worden.
Tourismus liegt am Boden
Der weitgehende Stillstand des Tourismus wirkt sich besonders auf christlich geprägte Orte aus. Hotels, Souvenirläden, Restaurants und touristische Einrichtungen in Bethlehem und anderen Orten sind weiterhin geschlossen. Nach Angaben aus kirchlichen Kreisen sind mehr als zwei Drittel der christlichen Erwerbstätigen ohne Einkommen. Ein erheblicher Teil der Gemeinschaft lebt unterhalb der Armutsgrenze. Kirchliche Einrichtungen übernehmen zunehmend soziale Unterstützungsfunktionen.
Schwieriger Alltag
Der Alltag im Westjordanland ist durch weitreichende Einschränkungen geprägt. Militärische Kontrollpunkte und Straßensperren erschweren die Bewegungsfreiheit und beeinträchtigen wirtschaftliche Abläufe. Zudem wird von einer Zunahme von Angriffen auf palästinensische Häuser und landwirtschaftliche Flächen berichtet.
Infolge der angespannten Lage wenden sich vermehrt Familien an kirchliche Einrichtungen, um Unterstützung zu erhalten. Das Lateinische Patriarchat von Jerusalem stellt unter anderem Lebensmittelgutscheine, Mietzuschüsse und befristete Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung. Nach Angaben aus der Region sind die verfügbaren Mittel weitgehend ausgeschöpft.
Armut in Ostjerusalem
Auch in Ostjerusalem wird eine angespannte wirtschaftliche Lage beschrieben. Vor Beginn der aktuellen Konflikte waren viele palästinensische Christen im Baugewerbe, im Einzelhandel oder im Tourismussektor tätig. Einschränkungen bei Arbeitsgenehmigungen sowie Betriebsschließungen führten zu Einkommensverlusten. Staatliche Unterstützungsleistungen, die zeitweise gewährt wurden, sind inzwischen ausgelaufen.
Keine humanitären Hilfen in Gaza
Nach Angaben des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem sind humanitäre Hilfslieferungen in den Gazastreifen derzeit stark eingeschränkt. Lieferungen von Medikamenten und medizinischem Material seien seit Beginn der jüngsten militärischen Auseinandersetzungen unterbrochen worden.
Akroush erklärte, dass auch Kommunikationswege zwischen dem Lateinischen Patriarchat von Jerusalem und zuständigen Behörden eingeschränkt seien. Dies betreffe unter anderem die Unterstützung eines christlichen Krankenhauses in Gaza sowie Planungen zur Wiedereröffnung einer Schule.
Niemals im Stich lassen
Nach Angaben des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem konnten seit dem Waffenstillstand in Gaza mehrere hundert Menschen das Gelände einer katholischen Pfarrei verlassen, auf dem sie über längere Zeit Zuflucht gefunden hatten. Ein Teil der Betroffenen nutzt das Gelände weiterhin als nächtlichen Schutzraum.
In der Kirche Heilige Familie halten sich weiterhin Menschen auf, die dort Unterstützung erhalten. Ordensschwestern sowie Priester betreuen nach Angaben aus der Region unter anderem ältere und kranke Menschen sowie Kinder und Jugendliche.
Das Lateinische Patriarchat von Jerusalem betont, die Unterstützung für besonders schutzbedürftige Gruppen fortzusetzen.
Würdevolles Leben
Das Lateinische Patriarchat von Jerusalem setzt seine Unterstützungsprogramme für die christliche Bevölkerung fort und beschäftigt weiterhin Mitarbeitende in verschiedenen Regionen, darunter auch im Gazastreifen.
Mit Blick auf die wirtschaftliche Lage wird insbesondere die Abhängigkeit vieler Christen vom Tourismussektor hervorgehoben. Anhaltende Unsicherheit wirkt sich unmittelbar auf deren Einkommenssituation aus.
Im Rahmen des Projekts „Horizonte“ werden Maßnahmen zur Förderung von Beschäftigung sowie zur Unterstützung von Frauen und jungen Menschen umgesetzt. Dazu gehören Programme zur Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten und zur Förderung unternehmerischer Initiativen.
Darüber hinaus werden Gemeindemitglieder in Projekte wie die Instandsetzung kirchlicher Gebäude oder infrastrukturelle Maßnahmen eingebunden.
Das Lateinische Patriarchat von Jerusalem weist darauf hin, dass die Unterstützung insbesondere besonders schutzbedürftigen Gruppen zugutekommen soll, darunter ältere Menschen, Kranke, Kinder und von Arbeitslosigkeit betroffene Familien. Gleichzeitig wird auf anhaltenden Migrationsdruck hingewiesen.
Trotz der bestehenden Herausforderungen sei die Fortsetzung der Arbeit alternativlos.


