In seinem geistlichen Wort zu Silvester macht sich Cfr. Domdekan Msgr. Dr. Hans Bauernfeind, Prior der Komturei St. Michael in Passau, Gedanken zum Jahreswechsel.

Das Foto aus den 1970er Jahren zeigte einen jungen Mann.  In markanter Hippie-Kleidung, langem Haar und Vollbart lächelt er in die Kamera. „Bist das Du?“, fragte ich den Freund überrascht, der mir das Bild präsentierte. „Ich wusste gar nicht, dass du so ausgeprägt ein Kind dieser Zeit gewesen bist.“ Ohne zu zögern, antwortet der inzwischen Ältergewordene: „Es war eine wilde und schöne Zeit. Aber wie es so oft im Leben ist: Die Zeiten haben sich verändert. Von irgendetwas musste ich leben. Ich habe geheiratet, eine Familie bekommen. Die Zeit ging durch mich hindurch und ich durch sie.“ – Heute trägt der Mann schicke Anzüge und lebt bereits im Ruhestand. Die Zeiten ändern sich und mit ihr die Menschen.

Die Zeit bleibt leider nicht stehen

Solche Geschichten kennen wohl viele. Als Menschen sind wir Kinder der Zeit. Sie vergeht – manchmal rasend schnell und dann auch wieder ganz langsam. Zeit bleibt nicht stehen, auch wenn wir uns das manchmal wünschen würden. All das wird am Jahreswechsel sogar noch intensiver erfahren als sonst. Unwillkürlich fragen wir, ohne es laut zu formulieren: Habe ich bisher sinnvoll gelebt? Habe ich Zeit vertan oder genutzt? Lohnt es sich, aus dem Leben etwas zu machen? Was werden die kommenden Wochen und Monate bringen? Wer bin ich eigentlich inmitten der Zeit? Wieviel Zeit bleibt mir noch? –

Gedanken des heiligen Augustinus über die Zeit

Auch der heilige Augustinus hat sich Gedanken über die Zeit gemacht.

(Die im folgenden Abschnitt entfalteten Gedanken des Augustinus (+430) sind aus den Reden über das Johannesevangelium entnommen. Diese finden sich – inklusive der Zitate – im Faszikel Lektionar zum Stundenbuch II/1 abgedruckt. 151f./284. Dort wird verwiesen auf: Tractatus in Joannis Evangelium 31, Cap. 5: Texte der Kirchenväter, Hg. Heilmann/Kraft, Bd. 4 [München 1964] 408.)

Er spricht von der „Fülle der Zeit“, als Jesus Christus Mensch geworden ist. Jesu Ziel sei es, die Menschen „von der Zeit [zu] befreien“, damit sie zur „Ewigkeit gelangen“, wo es keine Zeit mehr gebe. Die Ewigkeit sei für ihn ein ewiger Tag, der kein Gestern und kein Morgen kenne. Dagegen „rollen“ die Tage in der Zeit dahin. Keiner bleibt. Die „Augenblicke“ verdrängen einander. Worte vergehen, Menschen werden älter, nichts bleibe bestehen.

Diese Sätze stimmen nicht nur nachdenklich, sondern sie beschweren vielleicht auch das Herz. Doch genau das soll – im Sinne des Augustinus – gerade nicht geschehen. Denn die Menschwerdung Gottes geschieht in der Fülle der Zeit. Gott ist „das geworden“, so Augustinus, „was er gemacht hat“. Gott wurde Mensch, „damit nicht verloren ginge, was er gemacht hatte“. Augustinus sieht darin die „große Barmherzigkeit“ Gottes am Werk.

Ein Leben mit Christus kann nicht sinnlos sein

Was bedeuten solche Gedankengänge für uns heute? Der menschgewordene Sohn Gottes verleiht allem Bedeutung, weil er selbst in seine Schöpfung gekommen ist. Damit gewinnt auch die Zeit trotz ihrer Vergänglichkeit Hoffnung und Sinn. Er, der Ewige, umgibt und trägt sie. Er ist ihre Mitte. Er ruft uns, mit ihm verbunden zu leben und zu handeln – inmitten der Zeit. Er führt uns ineins mit Gott auf dem Weg durch die Zeit hin zur Ewigkeit. Ein Leben mit Christus kann nicht sinnlos sein, weil es mit ihm gestaltet ist. Wer mit Christus mitten in der Zeit verbunden ist, hört seinen Ruf, aus dieser Welt und Schöpfung etwas werden zu lassen, das Gott die Ehre gibt; den Menschen zu dienen und ihn in seiner Würde zu erheben sowie die Schöpfung als Schöpfung Gottes verantwortungsvoll anzunehmen. Wer Jesus Christus als die Mitte der Zeit und des eigenen Lebens entdeckt, ist bewusst auf dem Weg zur Ewigkeit – zur Vollendung der Zeit in der Gemeinschaft mit Gott, wenn wir ihn sehen wie er ist (vgl. 1 Joh 3,2).

An Silvester ruft uns Christus mit den Kindern zu beten

Wenn heuer am 31. Dezember das Fest der Heiligen Familie gefeiert wird, dann ruft uns Jesus Christus an diesem Tag, mit den Kindern zu beten. Kinder mit dem gütigen Gott vertraut werden zu lassen, ihnen zu helfen, zu ihm, zum gütigen Vater und zum Heiligen Geist zu beten, stärkt sie ein Leben lang, hilft ihnen die Zeit verbunden mit Gott zu erfahren und zu gestalten. Es ist ein Segen, mit Kindern zu beten und es so zu tun, dass sie es auf ihre Weise erfassen können. Gott sei Dank weiß die Kirche um diesen Auftrag.

Wir sind eine OrdensFAMILIE

Wenn wir als Ordensdamen und Ordensritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem unseren Schwerpunkt der Hilfe für die Christen und Christinnen sowie für alle im Heiligen Land Lebenden setzen, dann dienen wir auf diese Weise den Menschen und geben Gott die Ehre – gestalten wir ineins mit Gott die Zeit. Wir sind so eine Ordensfamilie, die aus der Kraft des Glaubens und aus der Hoffnung auf Ewigkeit heraus viel Gutes wirkt. Wer das Heilige Land besucht hat, weiß, wie sehr unsere Hilfe geschätzt wird – und stellt fest, wie sehr sie benötigt wird: angesichts des Krieges künftig noch mehr denn je.

Lauda Jerusalem Dominum

Damit wir ineins mit Gott bleiben können, bedarf es des geistlichen Lebens, des Mutes, innezuhalten und als consorores und confratres jeden Tag neu auf den Herrn der Zeit, den Gottessohn Jesus Christus, zu hören und uns von ihm rufen zu lassen.

Wie gut ist es, in der geistlichen Ordnung unserer Ordensgemeinschaft zu leben mit all den Gebeten und Anregungen, die das Herz des Glaubens hier finden kann.

So lade ich sie mit dem bekannten Segensruf, der auch in „Lauda Jerusalem Dominum“, dem Gebet und Gesangbuch der deutschsprachigen Statthaltereien im Ritteroden vom Heiligen Grab zu Jerusalem abgedruckt ist (S. 53), ein, den Wechsel in das Jahr 2024 mit Hoffnung und Mut anzugehen und füreinander zu beten:

 „Der Herr segne uns, er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben. Amen.“

OESSH Deutsche Statthalterei

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