Evangelium: Mk 6, 1b-6

Wenn man ein Buch sehr nahe an die Augen hält, dann werden die Buchstaben irgendwann unscharf und sind nicht mehr zu entziffern.

Das trifft nicht nur für das menschliche Auge zu, sondern für das Leben überhaupt. Eine gewisse Distanz zu den Dingen, den Menschen, ja uns selbst, ist wichtig, um genau erkennen und wahrnehmen zu können. Das ist manchmal gar nicht so leicht. Vieles, was direkt vor unseren Augen ist, übersehen wir, wie die Brille, die wir suchen und auf der Nase tragen.

Zunächst gilt das für die eigene Person, diese ist einem ja am nächsten. Ihre Schwächen werden häufig nicht aus eigenem Antrieb wahrgenommen. Aber auch die wirklichen Stärken werden leicht übersehen oder falsch eingeschätzt. Im Negativen wie im Positiven braucht es nicht selten Sehhilfen von außen, denn die eigene Nähe macht blind.

Darüber hinaus sieht man, ganz analog, gerade die Menschen, welche einem besonders nahestehen, nicht immer so, wie sie wirklich sind. Ihre Schwächen drängen sich vor und treiben einen nicht selten an den Rand der Geduld. Der Wert eines solchen Menschen offenbart sich dann meist erst, wenn er auf Distanz geht, nicht direkt vor Augen steht, er einem fehlt, manchmal erst nach seinem Tod.

Ähnlich wie bei der Optik des Auges gilt für die gesamte Erkenntnisfähigkeit daher, dass wir allzu Nahes oft nicht richtig einschätzen und beurteilen können. Das hat meist folgenden Charakter: den Menschen, die uns umgeben, dem uns Nahen, spricht man das Große ab. Denn Einmaliges, Großes entdeckt man meist nur außerhalb des alltäglichen Lebens, in der Ferne.

Darunter hat schon Jesus gelitten. Gerade die Menschen, die ihm am nächsten standen, seine direkte Verwandtschaft in seiner Heimatstadt, erkennen seine Göttlichkeit nicht. Es ist für sie nicht fassbar, wie die Trivialität von Nazareth zur Offenbarung Gottes passen könnte. Die Nähe des Geschehens macht sie blind, lässt sie nicht scharf erkennen, führt zur Ablehnung des Heiligen. So konstatiert Jesus im Evangelium des Sonntags zurecht: „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und seiner Familie.“

Warum ist das Prophetische, das Große in der Nähe, der unmittelbaren Umgebung oft schwer zu erkennen, zu ertragen?

Die Geschäftigkeit des Alltags verengt den Blick und lässt die Aufmerksamkeit für den Einbruch des Großen nicht selten aus den Augen verlieren. Vielleicht auch deshalb, weil das Große den Lauf der Alltäglichkeit stören, ihn aus dem Rhythmus bringen würde.

Vielfach lässt es die Enge des Neids nicht zu, Großes im Kleinen anzuerkennen. Wie beim Spargel muss jeder Kopf, der herausragt, sofort gekürzt werden. Die Entfaltung des Großen im Nahen, dem Kleinen, wird im Keim erstickt.

Es mangelt nicht selten an Vorstellungskraft, im Kleinen und Nahen die Potenz des Großen zu erahnen. Der Kleinglaube bewirkt, dass Größe nicht erkannt wird, nicht als Möglichkeit entdeckt und gefördert wird.

Schließlich erscheint es unmöglich, dass Gott in der Konkretheit des Bekannten und Alltäglichen wirkt, da das Bild von ihm keine Nähe, sondern allenfalls ferne Größe und Erhabenheit zulässt. Vielleicht auch deshalb, weil eine solche Nähe den Einbruch seiner Größe in die eigene Alltäglichkeit zur Folge hätte.

Die Schärfung des Blicks, Sehhilfen leiten sich unmittelbar aus der Trübung der Wahrnehmung ab.

Es kann helfen, ab und zu aus der Tretmühle des Alltags auszubrechen und den Blick zu weiten für Neues und Ungeahntes in der Nähe, der Vertrautheit des Alltags. Störungen werden dann zu Horizonterweiterungen, welche Einlassstellen des Großen im Kleinen werden können.

Dem Neid mit seiner verengenden, zersetzenden Wirkung muss entgegengetreten werden, vielleicht dadurch, dass sich der Mensch bewusst macht, dass der Bezugspunkt seines Heils nicht das ist, was der andere erreicht und ist, sondern er sich auf den Weg zu machen hat, seine eigene Bestimmung zu finden.

Durch das ermunternde Wort sollen wir anderen und uns selbst zusagen, dass wir Großes in uns tragen, das entfaltet werden kann

und muss. Es entsteht der Glaube an neue Möglichkeiten als Ausdruck der Überzeugung von der Liebenswürdigkeit Anderer und uns selbst.

Schließlich hat Christus durch seine Menschwerdung gezeigt, dass das Größte schlechthin, Gott, eingeht in die konkrete Wirklichkeit der Welt, mit seiner Kleinheit und Alltäglichkeit. Seine Menschwerdung wird zur Blaupause des Glaubens an das Große im Kleinen.

Prior der Komturei Speyer/Kaiserslautern, Cfr. PD Dr. Joachim Reger

OESSH Deutsche Statthalterei

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