Text: Cfr. Ehrendomkapitular Dekan Karl Jung, Prior der Komturei St. Bernhard von Clairvaux

Liebe Ordensgeschwister,

Ende Oktober wurde ich – fast vier Jahrzehnte nach meiner Priesterweihe – aus meinem Dienst als Dekan und Pfarrer verabschiedet. Als die Bistumsleitung diesen Schritt vor einem Jahr im Zuge größerer Veränderungen ankündigte, hat mich das erst einmal bewegt und ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht. Es war ein Moment, der innerlich nachhallte. Ich hätte mir gut vorstellen können, noch einige Jahre als Pfarrer weiterzuwirken. Doch dann stand die Entscheidung im Raum – und ich durfte meinen Frieden damit finden. Sehr geholfen hat mir der Gedanke, auch im Ruhestand ein „Priester in Rufweite“ zu bleiben. Dieses kleine Bild hat mir das Herz geöffnet.

Viele Menschen haben mir in den vergangenen Monaten zugesprochen, diesen neuen Abschnitt mit Offenheit und Zuversicht anzugehen: das Leben freier zu gestalten, gute Beziehungen weiterzuführen und gleichzeitig auf einen gesunden Rhythmus zu achten. Ja, ein neuer Abschnitt wartet – voller Herausforderungen, aber auch voller Chancen. Es fühlt sich an, als würde ein Fenster aufgehen und frische Luft hineinwehen. Nicht mehr Leitender sein zu müssen, sondern einfach Mensch, Christ und Priester in Rufweite – das ist der Horizont, auf den ich jetzt schaue.

Solche Übergänge kennen viele: Eltern, deren Kinder zu Hause ausziehen; Ordensmitglieder, die neu in den Ritterorden aufgenommen werden; oder Menschen, die beruflich oder örtlich neu beginnen. Immer ruft ein neuer Lebensabschnitt. Und genau dann merkt man, wie sehr das Leben uns weiterführt und weiterlockt.

So beginnt am ersten Advent auch ein neues Kirchenjahr. Es lädt uns ein, das Glaubensabenteuer mit Jesus Christus neu zu beleben, die Sehnsucht nach dem Erlöser aufzufrischen und sich neu an die Visionen des Propheten Jesaja zu halten: „Schwerter zu Pflugscharen, Lanzen zu Winzermessern“ – ein Friedensbild, das mitten ins Herz trifft.

Advent heißt Ankunft: Wir warten auf den Friedensbringer Gottes. Für mich bedeutet das auch, Frieden mit diesem Übergang in meinen neuen Lebensabschnitt zu schließen. Und ich spüre, wie dieser Frieden langsam in mir wächst. Gleichzeitig wird das Gebet um Frieden in der Welt dringlicher – besonders dort, wo die Wunden tief sind. Der Friede im Heiligen Land ist uns Ordensmitgliedern ein Herzensanliegen. Unser Gebet gilt allen Menschen dort: Juden, Muslimen und Christen.

Unser Blick richtet sich besonders auf die, die unter die Räder geraten. Ich denke an die Christinnen und Christen in Gaza, die unbeirrbar an ihrem Glauben festhalten und die Hoffnung auf Frieden nicht aufgeben. Ihre Standhaftigkeit berührt mich tief. Sie sollen wissen: Wir stehen an ihrer Seite. Und die große Hoffnung bleibt, dass auch für die Menschen im Heiligen Land ein neuer Lebensabschnitt möglich wird – ein Leben in Frieden, Würde und Gerechtigkeit. Diese Hoffnung trägt, selbst an dunkleren Tagen.

Mein eigener neuer Abschnitt, der im Januar 2026 beginnt, fühlt sich an wie ein neues Kirchenjahr. Ich möchte den Ruhestand als Leben „in Rufweite“ verstehen – offen, bereit, ansprechbar. Es ist ein Schritt, der mich zugleich demütig und erwartungsvoll macht. Und ich möchte neu aufbrechen zu jener „letzten Begegnung mit Gott“, von der Alfred Delp SJ spricht. Für ihn ist der Mensch ein „adventliches Dasein“: eine ausgestreckte Hand voller Sehnsucht, ein Wesen, das unterwegs bleibt und offen – bis zur letzten Begegnung. Um zu dieser Begegnung zu gelangen, braucht es ein Erwachen, das erschüttert und zugleich aufrichtet. Denn wir gelangen nicht aus eigener Kraft zur Fülle des Lebens; wir brauchen den Zuspruch Gottes.

So möchte ich mein Leben als Christ, als Priester in Rufweite und als Ordensmitglied neu ausrichten: auf diesen göttlichen Zuspruch hin, auf Jesus Christus, der Worte des ewigen Lebens verheißt. Und es tut gut zu wissen, dass wir diesen Weg nicht allein gehen, sondern getragen werden. Das wünsche ich uns allen zur Adventszeit: dass wir in Rufweite der Menschen und in Hörweite Gottes bleiben – und uns mit offenem Herzen in das neue Glaubensabenteuer des Advents hineinziehen lassen.

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