„Da sprach Gott zu Mose: Ich bin der Ich-bin-da.“ (Ex 3,14)
Bereits im ausgehenden 4. Jahrhundert lassen sich Belege dafür finden, dass die Pilgerin Egeria das „Heiligtum des brennenden Dornbusches“ besuchte, einen Ort, an dem sich eine Kirche und zahlreiche Einsiedeleien befanden. Später erhielt der Ort die Bezeichnung „Katharinenkloster“. Die Gastfreundschaft der Mönche und die Atmosphäre dieses Ortes mit seinem üppigen Garten, dem lebendigen Dornbusch und der Kirche hinterließen bei der Pilgerin einen so tiefen Eindruck, dass sie diese Erfahrung ausführlich in ihrem Reisebericht festhielt, der heute zu den wertvollsten Dokumenten der frühen christlichen Pilgerfahrt zählt.
Noch bevor Mose das israelitische Volk aus ägyptischer Gefangenschaft befreite, erfuhr er seine persönliche Gottesbegegnung am Sinai durch die Flammen eines Dornbuschs. Erst nach dieser Begegnung kehrte er nach Ägypten zurück, führte das Volk aus der Knechtschaft heraus und brachte es erneut zum Sinai – auch Horeb genannt -, wo dann die Gesetzesübergabe stattfand.
Aus den Flammen des Dornbusches heraus offenbart Gott zum ersten Mal seinen unverwechselbaren, zutiefst persönlichen Eigennamen, das Tetragramm YHWH. Dieser Name fand bereits bei den vorchristlichen Juden dieselbe Wiedergabe, mit der auch wir heute Gott anreden: „Adonai“ oder „Kyrios“, lateinisch „Dominus“, auf Deutsch „Herr“. Bis heute vermeidet die jüdische Tradition aus Ehrfurcht das Aussprechen des Namens, denn sein Eigenname ist keine menschliche Zuschreibung: die Hebräer verliehen ihrem Gott keinen Namen, wie es bei den Gottheiten anderer Völker üblich war. Gott selbst hat seinem Volk „den Namen“ enthüllt, der etwas von seinem Wesen preisgibt: Er ist derjenige, der existiert, wann und wo auch immer er angerufen wird – auch von uns, die wir zum Israel des Neuen Bundes gehören dürfen. Gottes Sein für uns ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Deshalb sind die unterschiedlichen Übersetzungen des Eigennamens allesamt treffend: „Ich bin, der ich bin“ – so begegnet uns heute in der Einheitsübersetzung die zentrale Selbstoffenbarung Gottes aus Exodus 3,14. Die frühere Einheitsübersetzung formuliert: „Ich bin der Ich-bin-da“ und Luther übersetzt: „Ich werde sein, der ich sein werde.“
Jeder Name bezeichnete den ganzen Charakter eines Menschen. Wenn wir in einer Menschenmenge plötzlich unseren Namen hören, geschieht etwas Besonderes: In unseren Tiefen gerät etwas in Bewegung, denn unser Name gehört zu den ersten Worten, die je an uns gerichtet wurden. Er bezeichnet unsere unwiderrufliche Einmaligkeit. Wo sich mit unserem Namen ein persönliches, wohlwollendes Interesse verbindet, da horchen wir auf, da leben wir auf. Unser Name – das sind wir selbst. Diese zutiefst menschliche Erfahrung hilft uns, das Geheimnis der göttlichen Namensoffenbarung zu verstehen.
Wenn Gott seinen Namen offenbart, geht es nicht um abstrakte Seinsphilosophie oder um grammatikalische Feinheiten zwischen Gegenwart und Zukunft. Das hebräische „Ehyeh asher ehyeh“ lässt verschiedene Übersetzungen zu: Gott ist der ewig Seiende und zugleich der für uns Da-Seiende. Seine Beständigkeit und seine Präsenz sind nicht zu trennen. Er ist derselbe gestern, heute und morgen – und gerade deshalb können wir uns auf seine Gegenwart verlassen, auf seine persönliche Beziehung zu uns vertrauen. „Ich bin beständig für euch da“ – diese Variation des Gottesnamens erschließt seine eigentliche Bedeutung: „Der Du da bist für alle. Der Du da bist für mich, als wäre ich allein auf der Welt. Der Du mich siehst. Der Du mich hörst. Der Du mich liebst.“
Am brennenden Dornbusch geschieht nichts Geringeres als die Selbstoffenbarung Gottes.
Er selbst steigt hinab in das irdische Elend und begegnet uns im Du. Hier wird die Brücke zu Christus sichtbar: Nach der Auferstehung verstanden die Christen Jesus als den HERRN, denn er hatte das absolute „Ich bin da“ von sich selbst ausgesagt.
Als Damen und Ritter vom Heiligen Grab sind wir der Hilfe für die Christen im Heiligen Land verpflichtet. Wir tun dies durch unser Gebet, unsere Spenden und durch unsere Besuche, die hoffentlich bald wieder ohne große Einschränkungen möglich sein werden. Wie Egeria im 4. Jahrhundert, so suchen auch wir die Orte auf, an denen sich Gott den Menschen geoffenbart hat. Der brennende Dornbusch am Sinai erinnert uns daran, dass jeder heilige Ort zunächst ein Ort der Gottesoffenbarung ist – nicht durch menschliche Anstrengung geheiligt, sondern durch Gottes Gegenwart.
„Leg deine Schuhe ab, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ – diese Worte gelten nicht nur für Mose, sondern für jeden, der vor Gott tritt. In der Tradition unseres Ordens verbindet sich die Solidarität mit den Christen im Heiligen Land mit der inneren Pilgerschaft zu Gott. Beide Wege führen zur selben Erkenntnis: Gott ist da, wo er angerufen wird, an jedem Ort, in jeder Situation, in der wir uns befinden.
Unser Engagement für die Christen im Heiligen Land steht in direkter Verbindung zu jenem Gott, der sich als der „Ich bin da“ geoffenbart hat. Wo Menschen in Not sind, wo die christliche Präsenz im Land Jesu bedroht ist, da sind wir gerufen, Zeichen seiner Gegenwart zu sein.
Die erste Bitte des Vaterunsers – „Geheiligt werde dein Name“ – erhält vor diesem Hintergrund ihre tiefe Bedeutung: Wir heiligen Gottes Namen nicht nur durch ehrfürchtige Worte, sondern durch ein Leben, das seine Gegenwart ausstrahlt.
Gottes Namen heiligen bedeutet, dass wir uns in der Welt so verhalten, dass auch andere veranlasst werden, Gott die höchste Ehre zu erweisen. Wir heiligen Gottes Namen, wenn wir ein Leben führen, das Gott ehrt und andere auf ihn und seine Verheißung hinweist: Gott ist da, unverfügbar und doch verlässlich, heilig und doch nahbar, ewig und doch in unsere Zeit hineinsprechend.
