„Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14)

Es ist gute Tradition in der Komturei Hrabanus Maurus Fulda, den ersten Konvent des Jahres unter das von der Liturgiekommission der deutschen Statthalterei ausgewählte Jahresmotto zu stellen.

In einer mit Priestern reich gesegneten Komturei (7 von 37 Ordensmitgliedern sind Geistliche) sind fünf um den Altar zu einer Konventmesse versammelte Zelebranten trotzdem nicht die Regel. Wenn dann neben dem amtierenden geistlichen Zeremoniar der Statthalterei – Cfr. Dr. Wolfgang Hartmann – auch dessen Vorvorgänger im Amt – Cfr. Msgr. Prof. Dr. Christoph Gregor Müller – als Komtureiprior sowie der Fuldaer Altbischof Cfr. Bischof em. Heinz-Josef Algermissen und der Abt der Dormitio Cfr. Dr. Nikodemus Schnabel stehen, spiegelt sich der Geist der Komturei in der Tatsache wider, dass dem fünften und jüngsten Mitbruder, dem im Herbst 2025 in Hildesheim investierten Schulpfarrer Cfr. Lic. jur. can. Sebastian Bieber, die Ehre zukommt, als Hauptzelebrant die mit Spannung erwartete Homilie zu übernehmen.

Ich bin … Schulpfarrer

Bieber wählte als Einstieg in die Predigt den Rückgriff auf seinen eigenen derzeitigen beruflichen Schwerpunkt als Schulpfarrer und Religionslehrer. Er schilderte die Situation einer Notenbesprechung, in der eine schüchterne Schülerin mit defizitärer mündlicher Mitarbeit konsterniert feststellt: „Ich bin halt, wie ich bin … da komme ich auch nicht raus.“

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Ich bin …definitionsbedürftig?

Den Aufhänger der Selbstdefinition der Schülerin nahm Bieber zum Anlass, Papst Leo zu zitieren, der in einer Ansprache zu bedenken gab, dass der moderne Trend zur „Anhäufung immer weiterer Definitionen und Attribute“ dem Sein bzw. der Persönlichkeit nicht zwangsläufig mehr Bedeutung oder Gewicht verleihe, sondern im Gegenteil vielmehr eingrenze und dadurch reduziere. Identitäten und Meinungen zu stark zu konkretisieren könne dazu führen, dass ein gesellschaftlicher Brückenschlag bzw. ein einendes Band immer poröser werde.

Ich bin … Transzendenz

Der Drang, sich selbst zu erklären und zu definieren, stehe – so Bieber – im krassen Widerspruch zur Transzendenz Gottes, der sich im brennenden Dornbusch offenbart, aber unangreifbar und entzogen bleibe. Folgerichtig „spoilerte“ Bieber auch gleich zu Beginn die Kernaussage seiner Predigt: „Es wird, es kann, es darf ihr nicht gelingen, diese Selbstaussage Gottes zu erklären“.

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Ich bin … eine Antwort

Bieber verwies darauf, dass Gottes Selbstaussage „Ich bin, der ich bin“ in einer konkreten Situation erfolgt ist, und zwar am Wendepunkt der Befreiung des Volkes Israel, in der Unbekanntheit der Wüste nachdem Mose den Auftrag Gottes bereits angenommen hat. Diesen spannungsreichen Moment habe der Wiener Maler Ernst Fuchs in beeindruckender Weise ins Bild gesetzt: Er stellt Mose mit geschlossenen Augen und weit geöffneten Armen dar, als schiebe er einen Schleier beiseite, ohne ein konkretes, sichtbares Bild freilegen zu können. Bieber interpretierte diese Szene als Befreiungsangebot Gottes an jeden Menschen. Jener Gott, der noch vor seiner Selbstoffenbarung (Ex 3,14) Mose die Zusage gibt: „Ich bin mit dir!“ (Ex 3,12), trete nicht statisch, sondern dynamisch in feuriger Weise in Konfrontation mit den Menschen. Das Da-Sein Gottes ist Befreiung und erreicht seinen Höhepunkt in der Inkarnation, der Menschwerdung Gottes in Jesus.

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Ich bin … kein magischer Mirakelspruch

Für den Menschen sei diese Konfrontation Gottes oft nur schwer auszuhaltende Spannung: „Dass ein Gott so nahe kommt, wie nie zuvor (…) und doch nicht fassbar wird“ verleite dazu, ihn als Lückenbüßer, Ethik-Lieferanten oder Motivationsreservoir zu verzwecken. Vor diesem Hintergrund mahne auch der Theologe Jürgen Habermas „die Sensibilität für das, was dem menschlichen Zugriff entzogen bleibt“ zu bewahren. Gott benenne sich selbst, nicht umgekehrt. Seine Aussage „Ich bin…“ könne und dürfe man – so Bieber – nicht mit dem Wort „…nützlich“ ergänzen. Der Mensch müsse sich immer bewusstmachen, dass Gott seine größte Wirkung in der Passivität des Leidens am Kreuz entfaltet habe.

Aus diesen Überlegungen leitete Bieber zum Abschluss seiner überaus eindrücklichen Predigt folgende Schlussfolgerungen ab:

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Ich bin, der ich bin…. was heißt das für uns als Orden?

I) Ritter und Dame dienen keinem Projekt, sondern zuerst einem Gott, der sich nicht in Aufgaben auflöst

II) Ritter und Dame stehen unter Gott, nicht über anderen. Wenn Gott unverfügbar bleibt, verhindert er jede moralische Selbstermächtigung.

III) Ritter und Dame sind treu, weil sie dem treuen Gott antworten, der schon war, noch bevor sie ihn entdeckten.

IV) Ritter und Damen durchschauen das Äußere dessen, was zum Mitgliedschaft im Ritterorden gehört, sie aber nicht ausmacht. Wer einem Gott dient, der „ist“, kann sich nicht mit Rollen begnügen

V) Ritter und Damen stehen mitten in der Welt, bleiben aber Türhüter einer überweltlichen Realität und sind Grenzwächter eines Reiches, das sie erstreben und verkünden, obwohl sie es selbst noch nicht betreten haben.

VI) Der Ritter bzw. die Dame löst und erlöst die Welt nicht, hält aber hoffnungsvoll das Ungeklärte und Ungelöste aus im Wissen, dass ein anderer der Retter ist.

Weil Gott sich nicht verfügbar macht, verfügen wir über Verantwortung.

Weil er sagt „ich bin“ können wir bleiben.

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