Interview der Vorsitzenden der Heilig-Land-Kommission, Cornelia Kimberger, mit Fr. Firas Abedrabbo aus der palästinensischen Gemeinde Ain Arik.
Nahe bei Ramallah in Ain Arik befindet sich eine kleine christliche Gemeinde mit ihrer Verkündigungskirche, die oberhalb des Ortes liegt. Das größte Minarett Palästinas erhebt sich über den muslimisch geprägten Ort, der 2.500 Einwohner zählt. Der Priester Firas Abedrabbo kümmert sich um rund 200 Gemeindemitglieder. Etwa 300 Christen gehören der melkitischen Kirche an, zu der Fr. Firas eine sehr gute Verbindung hat. Rund 300 Schüler besuchen dort bis zur 7. Klasse die Schule. Auch ein Kindergarten mit etwas mehr als 50 Kindern gehört zur Gemeinde.
Der italienische Orden „Kleine Familie der Verkündigung“ mit zwei Mönchen und sechs Nonnen steht dem Priester seit Jahren zur Seite. Gleich neben dem Gemeindegelände befindet sich das Areal für die christliche palästinensische Jugendarbeit „Jesus Homeland“. Dort treffen sich christliche Kinder- und Jugendgruppen zu verschiedensten Anlässen. In der langen Zeit der Schulferien finden dort beispielsweise Sommerlager statt. „Die christliche Jugend hat dort die Möglichkeit, sich untereinander gut kennenzulernen und die Erfahrung zu machen, nicht allein zu sein“, erzählt der Leiter dieser Begegnungsstätte, Fr. Louis Salman, bei einem unserer Besuche.

In der Karwoche konnte ich mit Fr. Firas sprechen und erfahren, wie er die Situation vor Ostern für sich und die Christen im Heiligen Land sieht.

Fr. Firas, wie ist die allgemeine Atmosphäre unter Ihren Kirchenmitgliedern derzeit?
Die Atmosphäre unter unseren Gläubigen ist durch eine tiefgreifende Mischung aus großem Leid und zugleich tiefer Hoffnung gekennzeichnet. In gewissem Sinne wird diese heilige Woche mit einer Intensität gelebt, die in den letzten Jahren vielleicht beispiellos ist. Ich glaube, dass in diesem Jahr die Mysterien von Ostern keine abstrakte oder distanzierte Realität mehr sind. Wir können sie sehr konkret fühlen: Verrat, Schwäche, Qualen, Demütigung, Ungerechtigkeit und Angst.
Es gibt auch ein weitverbreitetes Gefühl, dass wir einen „langen heiligen Karsamstag“ durchleben – eine Zeit des Wartens, der Dunkelheit und der Stille, fast wie ein Abstieg in die Tiefen. Dennoch bleibt gleichzeitig eine feste und unerschütterliche Überzeugung im Glauben, dass das Licht der Auferstehung, die Wahrheit, die Liebe und die Güte letztendlich siegen werden.
Wir bedauern sehr, dass der Zugang zu heiligen Stätten – insbesondere zur Grabeskirche – für die Christen immer schwieriger wird, besonders jetzt in der Kar- und Osterzeit.
Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass die lokalen Christen jedes Jahr am Karsamstag bei der Auferstehungsfeier Einschränkungen beim Zugang zu einem der heiligsten Orte des Christentums erdulden müssen. Für uns Christen ist dies zutiefst schmerzhaft und schwer zu begründen. In diesem Zusammenhang muss man auch an die Einschränkungen für die Al-Aqsa-Moschee erinnern, die zeigen, dass diese Einschränkungen nicht nur Christen, sondern auch Muslime betreffen.
Abouna Firas, was werden Sie Ihrer Gemeinde in den Kar- und Ostertagen predigen?
In vielerlei Hinsicht prägt die Situation, in der wir uns befinden, auch meine Predigten in der Karwoche. Ich erkläre, dass wir angesichts der Umstände, in denen wir leben, das Geheimnis von Ostern auf ungewöhnlich tiefe und intensive Weise erleben können. Es handelt sich nicht nur um eine gewöhnliche liturgische Feier, sondern um etwas, das wir innerlich erfahren – eine echte „Erinnerung“ und „Aktualisierung“ im geistlichen Sinn.
Wir können in unserem täglichen Leben etwas vom Leiden Christi erkennen: seine Ängste, seine Pein, sein Verlassenheitsgefühl. Aber ich bestehe auch stark auf der anderen Dimension der Passion: die Liebe und Barmherzigkeit Christi, sogar gegenüber denen, die ihn verfolgten. Wir sind nicht nur aufgerufen, mit Christus zu leiden, sondern auch zu lieben, wie er geliebt hat – auch im Angesicht der Ungerechtigkeit.
Letzten Endes versuche ich, ihnen das „Herz des Mysteriums“ nahezubringen: das Vertrauen auf Christus und die vollständige Hingabe an Gottes Willen. In einer Situation, in der so vieles unsicher oder außerhalb unserer Kontrolle zu sein scheint, wird diese Haltung für uns vielleicht zu einem Weg – vielleicht sogar zum einzigen Pfad in Richtung innerer Freiheit und Hoffnung.
Wie können die palästinensischen Christen aus der Osterbotschaft für ihr tägliches Leben Hoffnung schöpfen?
Unter den gegenwärtigen Umständen sehen wir das Böse in der Welt sehr deutlich: Gewalt, Ungerechtigkeit. Doch gleichzeitig können wir auch das Wirken Gottes erkennen, das oft im Verborgenen liegt, uns aber reale Wege weist.
Das Kreuz lehrt uns etwas Wesentliches: Das Böse kann nicht durch Böses überwunden werden, sondern nur durch das Gute. Dies ist keine Schwäche, sondern eine tiefere und dauerhafte Kraft. In diesem Zusammenhang wird ein Wort für uns zentral: Beharrlichkeit. Christus selbst lehrt im Evangelium: „Durch eure Standhaftigkeit werdet ihr das Leben gewinnen“ (Lk 21,19).
Es gibt Situationen wie die, in der wir leben, in denen wir die äußeren Umstände nicht verändern können. Aber eines bleibt uns immer möglich: die Beharrlichkeit zu bewahren – im Glauben festzuhalten, in der Wahrheit, in der Liebe und in der Tugend, gerade in einer Zeit, in der viele Formen der Untugend in unserer Nähe zu wachsen scheinen.
Daher wissen wir als Christen, dass das Licht stärker ist als die Finsternis, die Wahrheit stärker als die Lüge, die Liebe stärker als der Hass und das Leben stärker als der Tod.
Auch wenn böse und korrupte Strukturen der Macht auf politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Ebene unser Leben belasten – die übrigens auch Jesus betrafen und die er in seinem Leben und Wirken überwunden hat –, versichern uns die Auferstehung Jesu und die Geschichte selbst, dass diese „Todesstrukturen“ nicht das letzte Wort haben.
Für uns ist die Güte daher keine passive Ausdauer. Sie ist ein aktiver, spiritueller Widerstand: gut verwurzelt zu bleiben in der Wahrheit, den Hass abzulehnen und weiterhin das Leben zu wählen – in der Hoffnung, dass in dieser Beharrlichkeit Gott selbst am Werk ist und die Geschichte zu ihrer wahren Erfüllung führt.
Von Herzen wünsche ich den Damen und Rittern der Deutschen Statthalterei ein gesegnetes Osterfest.
Abouna Firas
