Am Wochenende des Passionssonntags näherten sich die Mitglieder der Komturei Hrabanus Maurus Fulda auf zwei unterschiedliche Weisen der Kreuzwegbetrachtung, die man unter das Motto der benediktinischen Ordensregel „Ora et labora – bete und arbeite“ stellen kann. Das 744 n. Chr. gegründete Kloster Fulda blickt auf eine lange benediktinische Tradition zurück, der auch die 1208 zur Stadt erhobene Siedlung ihre Existenz verdankt.
Labora – Aktive Anstrengung am Frauenberg
Gelebte benediktinische Ordensregel
Es war ein schöner Zufall, dass die alljährliche Reinigung des Heiligen Grabes, der 14. Kreuzwegstation am Kalvarienberg in Fulda, just an dem Tag stattfand, an dem in der Abtei St. Maria das 400-jährige Bestehen des Benediktinerinnenklosters gefeiert wurde. 1282 Jahre und zehn Tage nach der Gründung des Mönchsklosters Fulda durch den angelsächsischen Missionar und Benediktiner Winfried Bonifatius und 44 Jahre nach der Promulgation der Komturei Fulda unter dem Patronat des benediktinischen Abtes und Universalgelehrten Hrabanus Maurus traf sich ein mittlerweile bewährtes Team unter der Leitung des ehemaligen Diözesanbaumeisters Cfr. Dr. Burghard Preusler zur Reinigung des Heiligen Grabes.

Ora, labora et lege, Deus adest sine mora
Anders, als viele vermuten würden, ist der eingängige Slogan „ora et labora“ keineswegs in der Regel des heiligen Benedikt enthalten, sondern stammt aus dem Spätmittelalter und ist auch nur eine Verkürzung. Der vollständige Grundsatz lautet: „Bete, arbeite und lies, Gott ist da ohne Verzug.“ In seiner Enzyklika Laudato si’ interpretiert Papst Franziskus diese Empfehlung als Aufforderung, „Reife und Heiligung in der wechselseitigen Durchdringung von Sammlung und Arbeit zu suchen“.

Emsige Handarbeit und geistige Betrachtung
Mit Besen, Leitern, Schrubbern, Zahnbürsten und viel heißem Wasser bewaffnet rückte man am Samstag vor dem Passionssonntag Blättern, Unkraut und Moos zu Leibe, um die Nachbildung des Grabes Christi in einen andachtswürdigen Zustand zu bringen. Ordenskerze, Palmzweige, Leintücher und eine Dornenkrone – erstellt aus den am Einkehrtag der Provinz Rhein-Main im Park von St. Georgen gesammelten Dornen einer Gleditsia triacanthos – sollen den Betrachter noch tiefer in die Passionsgeschichte eintauchen lassen. Für die Mitglieder des Reinigungsteams ist diese Tätigkeit (labora) stets Auftakt zum gemeinsamen Beten des Kreuzwegs (ora) im Kreise der Komturei am darauffolgenden Tag.

Ora et lege – Gebet und Lesung am Battenstein
Von Judica bis Dominica in palmis de Passione Domini
Anders als in früheren Jahren fand das traditionelle Kreuzweggebet der Komturei nicht am Palmsonntag, sondern am 5. Sonntag der Fastenzeit statt, der nach seinem Introitus auch „Judica“ genannt wird. Dieser Sonntag markiert den Beginn der Passionszeit (Dominica I Passionis), in der sich der Fokus der Fastenzeit von der Buße zur Betrachtung des Leidens Christi verschiebt, bevor am Palmsonntag (Dominica II Passionis seu in palmis) die Karwoche beginnt.

Lauda Jerusalem Dominum
Die Texte zum Kreuzweggebet entnahm Cfr. Christoph Müller zum einen dem Gebet- und Gesangbuch für Heilig-Land-Pilger der Franziskaner, die maßgeblich an der Verbreitung dieser traditionellen Andachtsform des Nachvollziehens der Via Dolorosa beteiligt sind. Diese franziskanischen Texte kombinierte der Prior mit den Gebeten zur Kreuzwegandacht aus dem Ordensgebetbuch der deutschen Statthalterei. Beide Textquellen tragen den Titel „Lauda Jerusalem“ und verbanden so die Ordensgeschwister betend mit dem Heiligen Land.

Der Weg nach Golgatha
Wie auch in der Grabeskirche der Weg nach Golgatha über steile Stufen führt, so musste auch die Andachtsgruppe auf der Distanz von 300 Metern einen steilen Anstieg auf die 629 Meter hohe Basaltfelsgruppe bewältigen – gerade für ältere Komtureimitglieder ein forderndes Unterfangen, das aber durch tatkräftige ordensbrüderliche Unterstützung gemeistert werden konnte.

Heiliges Grab
Mit dem Erreichen des Heiligen Grabes an der Wallfahrtskapelle St. Marien aus dem Jahr 1706 endete der Kreuzweg mit der ordensgeschwisterlichen Fürbitte für alle erkrankten und verstorbenen Komtureimitglieder und Angehörigen.

Das Armeseelenhäuschen
Der obligatorische Besuch des „Armeseelenhäuschens“ hinter der Kirche erinnerte daran, dass nach einem Erlass von Papst Benedikt XIII. aus dem Jahr 1726 jeder Gläubige durch das Beten des Kreuzwegs Ablass nicht nur für sich selbst, sondern auch für die armen Seelen im Fegefeuer gewinnen kann.

Licht und Himmel
Dass Tod und Grab für uns als Christen nicht das letzte Wort haben, wurde auf dem Rückweg zum gemeinsamen Abendessen in eindrucksvollen Naturbildern erfahrbar: Der Blick in das „Land der offenen Fernen“ – so ein weiterer Name der Rhön – veranlasste vielfach zum Innehalten und schweigenden Staunen über die Schönheit der Schöpfung.

