Einkehrtage im Kloster Nütschau
Im Benediktinerkloster Nütschau nördlich von Hamburg kamen die Mitglieder der Ordensprovinz Norddeutschland zu ihren diesjährigen Einkehrtagen zusammen. Unter dem Leitwort „Christliches Menschenbild – Keine Leerformel! Eine klärende Rückbesinnung mit Josef Pieper“ stand ein Wochenende, das geistliche Vertiefung, gemeinschaftliches Leben und philosophische Reflexion miteinander verband.
Im Mittelpunkt der Vorträge stand das Denken des katholischen Philosophen Josef Pieper (1904–1997). Pieper zählt zu den bedeutendsten christlichen Sozialphilosophen und Denkern des 20. Jahrhunderts. Seine Werke über Freiheit, Tugend, Muße und die Würde des Menschen haben weit über den deutschsprachigen Raum hinaus Wirkung entfaltet und gelten bis heute als wichtige Beiträge zur christlichen Gesellschafts- und Kulturphilosophie.
Freiheit und Menschenwürde im Denken Josef Piepers
Nach der Anreise und Begrüßung durch den Prior des Klosters, Br. Johannes, führte der Philosoph Prof. em. Dr. Berthold Wald, einer der bedeutendsten Kenner des Werkes von Josef Pieper, die Teilnehmer in zentrale Gedanken des christlichen Menschenbildes ein. Im Mittelpunkt stand die Frage, was menschliche Freiheit aus christlicher Sicht bedeutet und welche Voraussetzungen für ein gelingendes Leben notwendig sind.
Im ersten Hauptvortrag widmete sich Prof. Wald dem von Pieper geprägten Begriff der „Entproletarisierung“. Dabei wurde deutlich, dass Pieper darunter weit mehr verstand als die Verbesserung sozialer Lebensbedingungen. Freiheit benötigt zwar gerechte äußere Voraussetzungen, sie verlangt aber ebenso innere Freiheit. Der Mensch darf nicht allein auf Arbeit, Leistung und Funktionalität reduziert werden. Pieper sah in der modernen Gesellschaft die Gefahr einer geistigen Verarmung, wenn der Mensch den Zugang zu Muße, Besinnung und den höheren Sinnfragen des Lebens verliert.
Kardinaltugenden als gelebte Freiheit
Der zweite Teil stand unter dem Thema „Kardinaltugenden als verwirklichte Freiheit“. Ausgehend von der Tugendlehre des Thomas von Aquin zeigte Prof. Wald, dass Freiheit nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen ist. Wirkliche Freiheit verwirklicht sich vielmehr in den Tugenden der Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Diese Haltungen befähigen den Menschen, das Gute zu erkennen und auch zu tun.

In den anschließenden Gesprächen und Diskussionen wurde deutlich, wie aktuell diese Gedanken auch heute sind. Besonders die Einsicht, dass ein guter Wille allein nicht genügt, sondern Tugenden durch Übung und persönliche Lebenspraxis wachsen müssen, stieß auf großes Interesse unter den Teilnehmenden.
Aktuelle Orientierung aus christlicher Tradition
Die Einkehrtage machten deutlich, dass die Fragen, die Josef Pieper vor Jahrzehnten gestellt hat, nichts von ihrer Aktualität verloren haben: Was ist der Mensch? Worin besteht seine Würde? Und wie kann Freiheit gelingen? Die Begegnung mit den philosophischen und theologischen Einsichten Piepers erwies sich für viele Teilnehmer als wertvolle Orientierung für das persönliche Leben, den Dienst im Orden und das christliche Zeugnis in einer sich wandelnden Gesellschaft.
Neben den Vorträgen prägten die gemeinsamen Gebetszeiten, die Feier der Liturgie in der Klosterkirche sowie viele persönliche Gespräche die Atmosphäre des Wochenendes. Das benediktinische Umfeld von Haus St. Ansgar bot den Teilnehmern einen geeigneten Raum, um die gehörten Impulse nachklingen zu lassen und mit den eigenen Erfahrungen in Beziehung zu setzen.
