Impuls: Cfr. Pfarrer Christian Nowak, Prior der Komturei St. Kilian Würzburg
Liebe Consorores und Confratres,
in allen Statthaltereien des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem wurde am 25. Oktober das Fest Unserer Lieben Frau, der Königin von Palästina, gefeiert, das im Kalender des Lateinischen Patriarchats an diesem Tag begangen wird.
Es besteht eine einzigartige, unauflösliche Beziehung zwischen Maria, der Mutter des Herrn, dem Volk, dem sie entstammt, und dem Land Palästina. Sie war Teil dieses Volkes; dort war sie zu Hause, mit ihrer Heimat vertraut wie wir mit der unseren. Entgegen jeder Diffusität des Glaubens steht Maria für dessen radikale Konkretheit: Gott wird Mensch an einem realen Ort, in einem konkreten Land. Nicht als unpersönliche Kraft aus dem Irgendwoher, sondern „geboren von einer Frau“ (vgl. Gal 4,4).
Maria wird mit ihrem freien „Ja“ zur fassbaren Biographie, in der Gottes Handeln Fleisch annimmt. Durch ihre Antwort wird Gott sichtbarer Mensch, Ewigkeit bricht in die Zeit ein und eine neue Qualität geheiligter Zeit beginnt. Das Leben dieses Mädchens aus Nazaret ist kein Mythos, sondern eine Realität, die fortan ganz ihrem Sohn gewidmet ist: in Treue und Hingabe, im Suchen und Zweifeln, in Freud und Leid. Sie wird zur ersten Nachfolgerin auf den staubigen Straßen Palästinas. Das Heilige Land als „fünftes Evangelium“ wird erfüllt von der Präsenz dieser einfachen Frau, die wir als Königin von Palästina ehren.
Überall, wo Menschen in die Fußstapfen Jesu treten, erwählen sie Maria zu ihrer Königin, Fürsprecherin und Beschützerin. Ob als Königin von Bayern oder von Polen – sie ist die Königin all derer, die zum Gottesreich gehören und den Spuren ihres Sohnes folgen. Doch ihre königliche Würde gründet nicht auf irdischer Macht, sondern auf der Bereitschaft zum Dienst.
An ihrem Festtag begegneten wir ihr im Evangelium auf dem Weg zu Elisabeth, wo sie das größte Loblied der Menschheitsgeschichte anstimmt: das Magnificat (vgl. Lk 1,46–55). Es ist ein zutiefst revolutionäres Lied aus dem Herzen der Mutter und der Kirche, das die Logik Gottes besingt, der die Maßstäbe der Mächtigen umkehrt und die Niedrigen erhöht.
Auf der Türschwelle ihrer Cousine ruft Elisabeth ihr zu: „Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“ (vgl. Lk 1,45). Marias persönliche Zustimmung war notwendig, damit die Verheißung Realität werden konnte. Gott handelt mit dem Menschen, niemals an seiner Freiheit vorbei.
Liebe Ordensgeschwister, Maria steht auch heute an der Schwelle unseres persönlichen Glaubenshauses. Sie bringt uns dieselbe Botschaft: Selig sind, die glauben, dass sich erfüllt, was der Herr uns sagen ließ. Maria verbürgt sich dafür, dass Gott ebenso konkret in unserem Leben handeln kann wie in ihrem. Sie bereitet uns durch ihr Lebenszeugnis darauf vor, selbst dieses befreiende Wort zu sprechen: Ja! Ich glaube, ich stelle mich dir zur Verfügung.
Dadurch wird auch unser eigenes Lebensumfeld zu einem heiligen Land. Unser konkreter Lebensraum soll geheiligt werden! Maria folgte ihrem Sohn in Palästina; wir folgen ihm hier, in unserem Alltag und in unserem Umfeld, und machen unsere terra concreta so zur terra sancta.
Und weil wir ihre Heimat als den realen Ort der Erlösung begreifen, übernehmen wir als Ritter und Damen vom Heiligen Grab besondere Verantwortung für diese terra concreta, weil sie die terra sancta ist, das Land des Herrn. Unser Auftrag ist es, dort Zeugen der Hoffnung zu sein, wo die Not am größten ist – gerade in dieser herausfordernden Zeit für das krisengeschüttelte Heilige Land.
Maria hat Großes im Glauben erfahren und ist mit Großem beschenkt worden. Durch den Glauben will Gott auch heute in unser Leben und die Geschicke der Welt eingreifen. Christus hat in Maria Gestalt angenommen. Auch wir dürfen uns öffnen, damit Christus in uns konkret und erfahrbar wird: für uns selbst, für die Menschen in unserem Alltag und durch unsere Verpflichtung als Ritterorden für unsere Schwestern und Brüder im Heiligen Land sowie für alle Menschen, denen wir im Glaubenszeugnis der Königin von Palästina unauflöslich verbunden sind.
Maria hat Christus geboren. Auch wir können ihn im wahrsten Sinne des Wortes zur Welt bringen, ihn bezeugen und im Alltag konkret werden lassen, das heißt, ihn gleichsam „Fleisch werden lassen“. „Selig bist du, wenn auch du glaubst, was der Herr dir sagen lässt!“ (vgl. Lk 1,45) – das ruft uns die Königin von Palästina auch heute zu, um das sichtbar zu machen, was ein Land – überall – erst heilig macht: Christus. Das besingt Maria in ihrem Magnificat, und deshalb jubelt unsere Seele auch heute mit ihr!
