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Maria dreht sich um!

Das leere Grab. Dieser Ort in diesem Zustand ist für unsere Ordensgemeinschaft der örtliche Bezugspunkt schlechthin. Als Damen und Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem geht auf diesen Ort unsere Spiritualität zurück. Was bedeutet die österliche Begegnung der Maria von Magdala am Grab mit dem Auferstandenen für uns?

In diese Geschichte von der ersten Begegnung eines Menschen mit Jesus nach dem Karfreitag weist uns der Evangelist in einfachen Gesten ein, wie die österliche Begegnung mit dem Auferstandenen geschieht.

Die Suche nach der Osterwahrheit

Maria von Magdala hatte an Jesus gehangen. So geht sie nach den schlimmen Tagen in der Früh wieder zum Grab. Als sie hinkommt, findet sie die Grabplatte geöffnet, das Grab leer. Sie steht vor dem Grab und weint. Warum weint sie? Warum jubelt sie nicht auf, dass der Herr wieder lebt? Weil die Wahrheit der Osternacht nicht an der Tatsache eines leeren Grabes hängt. Könnten doch Jesu Freunde heimlich seinen Leichnam beseitigt haben, um dann seine Auferstehung zu behaupten, wie man bald danach den ersten Christen auch vorgeworfen hat. Das ist Johannes’ erster Wink an uns für die Suche nach der Osterwahrheit. Er will uns bedeuten: Der Auferstandene ist nicht ein Faktum im Netzwerk der vielen Fakten unser Lebenswelt. Was ist es aber dann um die Auferstehung?

Die weinende Maria beugt sich in die Grabkammer hinein und sieht dort zwei Engel in weißen Gewändern sitzen. Engel versinnbildlichen in der Bibel immer die Welt und Wirklichkeit Gottes. Diese Wirklichkeit nimmt nur wahr, wer nicht sich selbst mit seinen Erwartungen und Vorurteilen zum Maßstab von allem nimmt, sondern – wie Maria – sich beugt, klein macht, indem sie zulässt und anerkennt, dass es noch ganz anderes und Größeres geben kann als das, was sie selbst weiß und überblickt. Die Engel haben dabei auch keine Botschaft für Maria, um sie von außen und oben mit einem für Menschen an sich unzugänglichen Sonderwissen über das Schicksal Jesu in Kenntnis zu setzen. Die Wahrheit von Ostern kann uns kein anderer sagen, nicht einmal ein Engel.

Die Begegnung mit dem österlichen Herrn beginnt

Gleichsam unter der Last ihrer Ratlosigkeit wendet sich Maria um und sieht Jesus dastehen, weiß aber nicht, dass er es ist. Achten wir auf Marias Bewegung: in der Abkehr vom Grab beginnt die Begegnung mit dem österlichen Herrn. Indem sich Maria herausdreht aus dem Ort des Todes, ist Jesus schon bei ihr – auch wenn noch unerkannt. Ja mehr noch: Maria, die ihn sich eingeprägt hatte mit den Augen der Liebe wie niemand sonst, sie verwechselt ihn sogar mit dem Gärtner. Noch einmal kommt in dieser Szene der Unterschied, ja die Fremdheit zur Geltung zwischen dem, was Menschen denken und erwarten, und dem, was an Ostern geschieht. Ostern gehört nicht zu dem, was wir immer schon wissen; es entspringt nicht den Gegebenheiten der Welt. Ostern liegt nicht nur außerhalb der Welt berechenbarer Tatsachen, es liegt auch noch außerhalb der Welt unserer Vorstellungen.

Maria

Wie aber können Menschen dann überhaupt von Ostern ergriffen werden? Das geschieht in einem einzigen Wort, das der Auferstandene zu Maria spricht. Er sagt nicht: Sie haben mich gekreuzigt, doch jetzt bin ich auferstanden; nicht einmal: „Ich bin es“, sagt er. Sondern nur: „Maria“ – ihren Namen nennt er. Da wandte sie sich ihm zu. Wer sich von Jesus persönlich angesprochen fühlt; sich von ihm gemeint glaubt mit dem, der ertastet, was Auferstehung ist.

Jesu Liebe

Wo einem Menschen in irgendeinem Augenblick seines Lebens Jesu Liebe in ihrer ganzen Tiefe so aufgeht, dann weiß er im selben Augenblick mit unfehlbarer Gewissheit, dass eine Liebe, die so unbedingt und grenzenlos ist, wie das Kreuz offenbar gemacht hat, dass sie nicht einmal im Aufhören der sichtbaren Existenz des Liebenden ans Ende kommen kann, auch darüber hinaus noch in Geltung bleibt, weil sie schon zu Lebzeiten etwas von Gott, etwas Ewiges gewesen ist.

Ihren Namen, also ihr innerstes Wesen von der Liebe Jesu durchflutet wahrzunehmen, das hat Maria aus der Fixierung auf die Welt der Gräber gelöst – auf die Welt, die Anfang und Ende hat, die man besitzen und kontrollieren kann. Und diesem innersten Anruf sich öffnend vermag sie dann antwortend zu erkennen, wer sie eigentlich ruft und dass der Rufende in der spürbaren Macht seiner Liebe da ist, gegenwärtig bei ihr. In der bis zum Grund ihrer Existenz gehenden Bekehrung zur Liebe, in der Umkehr zum Vertrauen in die Wirklichkeit und Wirkmächtigkeit der Liebe wird ein Mensch fähig, den Auferstandenen und seine Wahrheit wahr zu nehmen.

Leben, das größer ist als der Tod

Auch wenn wir in dieser Zeit nur mit großen Hindernissen zum Heiligen Grab reisen können, so können wir mit Maria von Magdala im Osterfest eine Umkehr vornehmen: Wenn wir uns von Jesus ansprechen lassen und ihm uns zuwenden, erfahren wir, was Leben heißt. Leben, das größer ist als der Tod. Leben, das von der Liebe durchflutet ist. So wünsche ich von Herzen ein frohes Fest der Auferstehung und des Lebens.

Dr. Oliver Rothe, Prior der Komturei St. Maximilian Düsseldorf

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