Impuls: Dr. Oliver Rothe
Das Hochfest der heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus führt uns Jahr für Jahr zu den Fundamenten der Kirche zurück. Die Liturgie stellt zwei Männer vor unsere Augen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Petrus, den Fischer aus Galiläa, impulsiv, manchmal schwankend, voller menschlicher Schwäche; Paulus, den gebildeten Pharisäer, leidenschaftlich, intellektuell brillant und von einer unerschütterlichen missionarischen Dynamik erfüllt.
Und doch feiert die Kirche sie gemeinsam. Warum?
Die Einheit der Kirche beruht nicht auf menschlicher Gleichförmigkeit. Petrus und Paulus verkörpern unterschiedliche Charismen, unterschiedliche Lebenswege und sogar unterschiedliche Akzentsetzungen. Ihre Einheit entspringt nicht ihrer Ähnlichkeit, sondern ihrer gemeinsamen Ausrichtung auf Christus.
Die Kirche entsteht dort, wo Menschen nicht mehr sich selbst zum Mittelpunkt machen, sondern sich von Christus her zusammenführen lassen. Petrus und Paulus stehen deshalb für die Katholizität der Kirche: für die Einheit in der Vielfalt, für die Versöhnung von Verschiedenheit durch die gemeinsame Wahrheit des Evangeliums.
Besonders Petrus erinnert uns daran, dass die Kirche letztlich nicht auf menschlicher Stärke gegründet ist. Als Jesus sagt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18), geschieht dies nicht wegen der makellosen Größe des Apostels. Petrus wird kurz darauf versagen, seinen Herrn verleugnen und an seiner eigenen Angst scheitern.
Gerade hierin wird das Geheimnis des Petrusdienstes sichtbar: Nicht die Vollkommenheit des Menschen trägt die Kirche, sondern die Treue Christi. Die Kirche lebt aus der Verheißung Gottes, nicht aus der Fehlerlosigkeit ihrer Glieder. Das ist eine Quelle großer Hoffnung – auch für uns.
Paulus wiederum erinnert uns daran, dass der Glaube niemals Besitzstand werden darf. Wer Christus begegnet ist, wird gesandt. Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch. Paulus lässt sich von Grenzen nicht aufhalten: weder von geografischen Entfernungen noch von kulturellen Unterschieden noch von Verfolgungen.
Für uns als Ritter und Damen vom Heiligen Grab erwächst daraus eine besondere Frage: Wie geben wir heute Zeugnis für Christus?
Unser Orden ist nicht nur eine traditionsreiche Gemeinschaft. Er ist eine geistliche Berufung. Die Sorge um die Christen im Heiligen Land, die Verbundenheit mit Jerusalem und die Treue zur Kirche sind keine bloßen Aufgaben. Sie sind Ausdruck unserer Teilhabe an der apostolischen Sendung.
Jerusalem verbindet auf einzigartige Weise die Erinnerung an Petrus und Paulus mit dem Ursprung unseres Glaubens. Von dort ging die Botschaft Christi in die Welt hinaus. Von dort führt auch heute ein geistlicher Weg zurück zu den Quellen des Evangeliums.
In einer Zeit wachsender Unsicherheit, gesellschaftlicher Polarisierung und religiöser Gleichgültigkeit können Petrus und Paulus uns lehren. Von Petrus lernen wir die Treue zur Kirche und zum Nachfolger Petri, von Paulus den missionarischen Mut des Glaubens, der in unserer säkularisierten Welt so wichtig, aber auch so schwierig ist. Von beiden lernen wir die Bereitschaft, Christus über das eigene Leben zu stellen. Im Alltag erfordert das schlicht Demut.
Die Heiligen sind nicht deshalb groß, weil sie Außergewöhnliches geleistet hätten, sondern weil sie Christus Raum gegeben haben. Genau darin liegt auch die Herausforderung dieses Festes.
Nicht zuerst zu fragen: Was können wir für die Kirche tun? Sondern: Wie kann Christus durch uns wirken?
Bitten wir die heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus um ihre Fürsprache, damit unser Orden immer mehr zu einer Gemeinschaft wird, die aus dem Glauben lebt, in der Hoffnung standhält und in der Liebe dient – zum Wohl der Kirche und besonders der Christen im Heiligen Land.
