Provinztag der Ordensprovinz Rhein-Main 2026
Umbruch, Konflikte, Spannungen
Wir leben in herausfordernden Zeiten voller Umbrüche, Konflikte und Spannungen. Im Falle des Wilhelm-Kempf-Hauses in Wiesbaden-Naurod waren es geplante bauliche Umbrüche, die den für November vorgesehenen Ordenstag der Provinz Rhein-Main kalendarisch in den September hatten springen lassen.

Provinzleben
30 Teilnehmende hatten diese terminliche Hürde überspringen können und wurden, geeint in gespannter Erwartung, vom Präsidenten der Ordensprovinz Rhein-Main, Cfr. Erwin Waider, begrüßt und von Provinzprior Cfr. Dr. Georg Müller mit dem Gebet zum Heiligen Geist aus unserem Ordensgebetbuch geistlich eingestimmt.
Die Kapitelsitzung stand allen Teilnehmenden offen und gab durch die Berichte von Präsident Cfr. Erwin Waider und Pilgerbeauftragtem Cfr. Dr. Thomas Krahwinkel sowie durch Informationen von Schatzmeister Cfr. Bernhard Kinzinger und Kurzreferate aus den Komtureien einen umfassenden Einblick in das lebendige und vielfältige Ordensleben der Provinz.

Spannungsfelder abrahamitischer Religionen
Nach einer kurzen Kaffeepause standen die Vorträge zum Spannungsfeld der abrahamitischen Religionen auf dem Programm. Obwohl der zum Thema der Segregationspolitik Arabiens und Israels eingeladene deutsche Botschafter in Katar, Oliver Owcza, aus aktuellem Anlass leider kurzfristig absagen musste, fehlte es dennoch nicht an Gesprächsstoff: Die beiden anwesenden Referenten füllten mühelos die zur Verfügung stehenden Zeitfenster.

Christlich-muslimische Beziehungen
Dr. theol. Timo Aytaç Güzelmansur, Autor und Mitglied der Geschäftsführung der Fachstelle der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des christlich-islamischen Dialogs CIBEDO, bot allein durch seine beeindruckende Vita einen profunden Einblick in das Themenfeld des interreligiösen Dialogs: Als zum christlichen Glauben konvertierter Sohn einer türkisch-alawitischen Familie, Theologiestudent an der Gregoriana, Dogmatik-Promovend in St. Georgen und Co-Autor der Anfang 2026 erschienenen Veröffentlichung der Deutschen Bischofskonferenz zur Frage christlich-muslimischer Beziehungen in Deutschland initiierte er bereits vor Beginn des eigentlichen Vortrages zahlreiche Zwischenfragen.
Seine Ausführungen beleuchteten Kontext, Akteure, Partnerschaften und Perspektiven christlich-muslimischer Beziehungen in Deutschland. Das erwähnte Papier der Bischofskonferenz, das der Autor Papst Leo XIV. persönlich überreichen durfte, kann als „Arbeitshilfe Nr. 348“ für 2,49 € bestellt oder kostenfrei aus dem Internet heruntergeladen werden.

Jesuiten und Islam
Einen ganz anderen Zugang zum Thema Islam bot der zweite Referent, Pater Prof. Dr. theol. habil. Tobias Specker SJ. Der Professor für „Katholische Theologie im Angesicht des Islam“ an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt wählte als Titel seines Vortrages ein Zitat des 1994 verstorbenen ägyptischen Dominikaners und Islamwissenschaftlers Georges Chehata Anawati OP: „Bagatellisiere nicht den Islam“. Gleichwohl verwies der Untertitel „Jesuiten in der Begegnung mit dem Islam“ auf die historisch-persönliche Perspektive des hl. Ignatius von Loyola, die der Referent ausführlich darlegte.

Ignatius und der Esel
Für den in einer Zeit islamischer Expansion groß gewordenen baskischen Adelsspross Íñigo López de Loyola war militärische Intervention gegen Muslime, die als Ungläubige und Feinde des Kreuzes galten, eine Option, den Willen Gottes zu erfüllen. Kriegsplanung wurde als Vorbereitung zur Evangelisierung und eine militärische Unterlegenheit des Islam als Beweis der Richtigkeit des christlichen Glaubens gesehen. Demgegenüber stand die kulturelle Neugier des späteren Mitbegründers des Jesuitenordens, der sich danach sehnte, im Heiligen Land zu leben. Im Interesse, Mission und Dialog voranzutreiben, empfahl Ignatius das Koranstudium und das Erlernen der arabischen Sprache. In seiner Autobiographie, dem „Pilgerbericht“, schildert Ignatius die Anekdote seines Eselsritts zum Montserrat, auf dem er mit einem Mauren über die (postpartale) Jungfräulichkeit Mariens stritt. Der Verlauf der Erzählung verweist zum einen auf die Bedeutung der für die ignatianische Spiritualität wichtigen „Unterscheidung der Geister“ wie auch auf den Leitsatz „Gott zu suchen in allen Dingen“: Wenn Gott in allem ist, wohnt er auch in meinem „Feind“.

Mutter vom guten Rat
Nach gemeinsamem Abendbrot im Freien lud Provinzprior Dr. Georg Müller zur Andacht in die Kapelle. Passend zum Festtag „Mariä Namen“ nahm der Zelebrant die vom „Namensvorgänger“ unseres aktuellen Papstes veranlasste Erweiterung der bekannten Lauretanischen Litanei in den Blick. Papst Leo XIII. war ein eifriger Förderer des Rosenkranzgebetes und verfasste diverse marianische Weltrundschreiben. Am Heiligen Abend 1883 verfügte er die Aufnahme des Titels „Königin des heiligen Rosenkranzes“ (Regina sacratissimi rosarii), wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1903 die Anrufungen „Mutter vom guten Rat“ (Mater boni consilii) und „Wunderbare Mutter“ (Mater admirabilis) in die Litanei, die die Anwesenden zum Abschluss der Andacht vor der Pietà sprachen.

Begegnung und Gespräch
Dass sich die Teilnehmerzahl nach der Andacht weiter verringerte, tat der heiteren und gelösten Stimmung beim gemütlichen Beisammensein im Anschluss keinen Abbruch, denn im kleineren Kreis wurden Begegnung und Gespräch viel intensiver wahrgenommen. Im Austausch wurde auch deutlich, dass die Impulse der Referenten einen positiven Einfluss auf die zuvor eher skeptischen Vorbehalte der Zuhörerschaft in Bezug auf grundsätzliche Einstellungen zum Islam genommen hatten. Der Sprung über Gräben wird leichter, wenn man erkennt, dass Trennendes kleiner als angenommen ist und dass es hilfreich ist, auch nur ein kleines Wegstück miteinander zu gehen – trotz unterschiedlicher Auffassungen.

Ausflug auf den Neroberg
Zur sonntäglichen Messe am nächsten Morgen kamen sogar noch einige Ordensmitglieder hinzu, und auch der kräftige Regenschauer, der beim allgemeinen Aufbruch niederging, brachte eine kleine Gruppe nicht davon ab, die Talstation der Nerobergbahn in Wiesbaden anzusteuern.

Csr. Julia Waider hatte als kulturellen Abschluss des Ordenstages einen Ausflug auf den Wiesbadener Hausberg organisiert. Nach der Fahrt mit der historischen, mit Wasserballast betriebenen Standseilbahn und einem Rundgang auf der Anhöhe durften alle Anwesenden beim Mittagessen im Opelbadrestaurant auf den Geburtstag der ehemaligen Kanzlerin und Vorgängerin des aktuellen Provinzpräsidenten, Csr. Ricarda Schulze Dieckhoff, anstoßen.

Die Besichtigung der imposanten russisch-orthodoxen Kirche der Heiligen Elisabeth, Grablege der mit nur 19 Jahren im Kindbett verstorbenen Großfürstin Elisaweta, Herzogin von Nassau, und ihrer nur einen Tag alt gewordenen Tochter, war würdiger Abschluss der rundum gelungenen Veranstaltung.

