Mehr als 560 Teilnehmer bei der Herbstinvestitur des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem – Großprior betont die Würde des Menschen und die Verantwortung für das Gemeinwohl – Sami El-Yousef erinnert an die „lebendigen Steine“ im Heiligen Land

Koblenz, 11. Oktober 2026. Mit einem eindringlichen Plädoyer für Menschenwürde, christliche Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung hat S. Em. Reinhard Kardinal Marx bei der Herbstinvestitur des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem in Koblenz zu einem glaubwürdigen Zeugnis des Glaubens aufgerufen. „Wir sind nicht Gott“, betonte der Großprior der Deutschen Statthalterei und warnte vor einem Menschenbild, das die Grenzen menschlicher Macht ausblendet und die Würde des Einzelnen gefährdet. Mehr als 560 Teilnehmer waren vom 9. bis 11. Oktober unter dem Leitwort „Zusammenkommen, um zu hören“ an Rhein und Mosel zusammengekommen. Höhepunkt der dreitägigen Feierlichkeiten war die Aufnahme von 24 neuen Damen und Rittern in der Basilika St. Kastor. Wie christliche Verantwortung angesichts der schwierigen Lebensbedingungen im Heiligen Land konkret wird, verdeutlichte der aus Jerusalem angereiste ehemalige CEO des Lateinischen Patriarchats, Sami El-Yousef.

Zum Auftakt am Freitag hatte die Stadt Koblenz die Ordensgemeinschaft zu einem Empfang eingeladen. Bürgermeisterin Dr. Dagmar Kranz würdigte das Engagement der Damen und Ritter und die Verbindung von christlicher Überzeugung und gesellschaftlichem Handeln. „Das Jerusalem-Kreuz, Symbol des Ordens, zeigt in den Himmel und steht doch mitten in der Welt“, sagte sie. Auch Cfr. Ferdinand Giese, Kanzler der Deutschen Statthalterei, rückte die Verantwortung der künftigen Ordensmitglieder in den Mittelpunkt. Die Aufnahme in den Ritterorden sei nicht bloß eine Auszeichnung, sondern eine dauerhafte Verpflichtung. „Die Aufnahme in den Ritterorden ist kein Endpunkt. Es ist vielmehr ein Anfang.“

Die geistliche Vorbereitung begann mit der Vesper, in der Cfr. Martin Birkenhauer, Prior der Komturei St. Matthias Trier, die persönliche Begegnung mit Jesus Christus als eigentlichen Sinn des Zusammenkommens hervorhob. Gemeinschaft könne den Zugang zum Glauben eröffnen, entscheidend bleibe jedoch die Bereitschaft, sich von der Botschaft Christi berühren zu lassen. Im Rahmen der Vesper wurde zugleich der ins Himmlische Jerusalem vorausgepilgerten Ordensmitglieder gedacht und besonders verdiente Mitglieder durch Promotionen geehrt. In der anschließenden Vigil in der Liebfrauenkirche erinnerte der Geistliche Zeremoniar der Deutschen Statthalterei, Cfr. Spiritual Dompräbendat Dr. Wolfgang Hartmann, an die Berufung der ersten Jünger. Die Einladung Jesu „Kommt und seht!“ gelte auch den Kandidatinnen und Kandidaten, deren künftiger Dienst aus der lebendigen Beziehung zu Christus erwachsen müsse.

Sami El-Yousef: Hoffnung für die „lebendigen Steine“

Welche Bedeutung dieser Auftrag für die Menschen im Heiligen Land hat, zeigte der Bericht von Sami El-Yousef am Samstag bei der Kapitelsitzung der Deutschen Statthalterei. Der langjährige leitende Verantwortliche des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem sprach über sein Leben und seine rund 45-jährige berufliche Tätigkeit. Trotz der schwierigen Lebensbedingungen in seiner Heimat stellte er eine Botschaft in den Mittelpunkt: „Die Hoffnung ist immer da.“

El-Yousef dankte der Ordensgemeinschaft für ihre beständige Unterstützung von Schulen, sozialen Einrichtungen und zahlreichen Hilfsprojekten. Entscheidend sei jedoch nicht allein die Zahl der geförderten Vorhaben. Hinter jeder Spende stünden Menschen, denen Bildung, Hilfe und neue Perspektiven ermöglicht würden. „Sie unterstützen die Steine – aber noch wichtiger: Sie unterstützen die lebendigen Steine“, sagte er mit Blick auf die christlichen Gemeinschaften, die im Heiligen Land ihren Glauben leben und bewahren. Neben der finanziellen Hilfe seien das Gebet und persönliche Begegnungen unverzichtbar. Den künftigen Damen und Rittern gab er deshalb mit auf den Weg, ihre Mitgliedschaft als lebenslange Verpflichtung zu verstehen. Am Ende müsse jeder sagen können: „Ich war für meine Brüder und Schwestern im Heiligen Land da.“

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Kardinal Marx: „Person ist immer Ich und Wir zugleich“

Den geistlichen Höhepunkt bildete am Samstag der feierliche Investiturgottesdienst in der Basilika St. Kastor, bei dem S. Em. Reinhard Kardinal Marx das Ordensversprechen der 24 neuen Damen und Ritter entgegennahm. Die Liturgie wurde musikalisch durch die Krönungsmesse von Wolfgang Amadeus Mozart (KV 317) gestaltet. Unter der Leitung von Prof. Mathias Breitschaft wirkten Mitglieder des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie an der Aufführung mit. Zum würdigen Verlauf der Feierlichkeiten trug auch S. E. Ehrenstatthalter Cfr. Heinrich Dickmann maßgeblich bei. Ihm galt besonderer Dank für die Gestaltung des Totengedenkens und der Promotionen während der Vesper sowie für seine Mitwirkung an der feierlichen Investitur.

In seiner Predigt stellte der Großprior zwei grundlegende Überzeugungen des christlichen Menschenbildes in den Mittelpunkt. „Wir sind nicht Gott“, betonte Marx und erinnerte an die Grenzen menschlicher Macht. Die Anerkennung der eigenen Endlichkeit sei zugleich eine Absage an jede Form von Totalitarismus und an Ideologien, die den Menschen einer vermeintlich höheren Idee unterordneten. Wo der Mensch sich selbst zum absoluten Maßstab erhebe, gerieten die Würde und Freiheit des Einzelnen in Gefahr.

Ausgehend vom Galaterbrief des Apostels Paulus entfaltete der Kardinal das christliche Verständnis von Freiheit. Diese dürfe weder mit Beliebigkeit noch mit schrankenloser Selbstverwirklichung verwechselt werden, sondern finde ihre Vollendung in der Liebe und in der Verantwortung für andere. „Person ist immer Ich und Wir zugleich. Ich und Du zugleich“, erklärte Marx und verwies damit auf einen Grundgedanken der katholischen Soziallehre. Der Mensch sei nicht als isoliertes Individuum zu verstehen, sondern lebe immer in Beziehung zu anderen. Persönliche Freiheit und Verantwortung für das Gemeinwohl gehörten deshalb untrennbar zusammen.

Diese Überzeugung habe unmittelbare Konsequenzen für das gesellschaftliche Zusammenleben. Marx warnte vor einem übersteigerten Individualismus, gesellschaftlicher Radikalisierung und Antisemitismus. Wo ausschließlich eigene Interessen zählten, gerate die Verantwortung für andere aus dem Blick. Christen seien deshalb gefordert, sich aus dem Evangelium heraus für Menschenwürde, Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt einzusetzen. Auch die Kirche müsse ihren Blick über die eigenen Strukturen hinaus richten. Entscheidend sei nicht ihre zahlenmäßige Größe, sondern ob ihre Botschaft die Menschen erreiche. „Gerade jetzt in dieser turbulenten Zeit brauchen wir aufrechte Christinnen und Christen, die vom Evangelium her hier Zeugnis einbringen“, mahnte der Großprior.

Für die 24 neu investierten Damen und Ritter verliehen diese Worte dem Ordensversprechen eine besondere Tragweite. Ihr persönliches Bekenntnis zu Jesus Christus verbindet sich mit der Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen. Im Dienst an den christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land wird dieser Auftrag auf besondere Weise sichtbar – und damit zugleich jene Verbindung von persönlicher Freiheit und solidarischer Gemeinschaft, die Marx in seiner Predigt hervorgehoben hatte.

(c) oessh.net / Dr. Thomas SItte
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Ministerpräsident Schnieder: „Ihr seid nicht allein“

Beim anschließenden Festabend würdigte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder das Engagement des Ritterordens und gratulierte den 24 neu aufgenommenen Damen und Rittern. Er wünschte ihnen, in der Ordensgemeinschaft eine lebendige geistliche Heimat zu finden. Angesichts der schwierigen Situation im Heiligen Land komme der Hilfe für die dort lebenden Menschen besondere Bedeutung zu. Durch ihren Einsatz vermittelten die Ordensmitglieder eine entscheidende Botschaft: „Ihr seid nicht allein.“

Schnieder dankte der Gemeinschaft für ihr Beispiel gelebter christlicher Verantwortung und Nächstenliebe. Die Herausforderungen der Gegenwart verlangten nach Menschen, die Hoffnung bewahrten und anderen Zuversicht vermittelten. „Ich ermutige Sie: Tragen Sie die Zuversicht weiter“, appellierte der Ministerpräsident an die Festgesellschaft.

Cfr. Ferdinand Giese, der während der Feierlichkeiten den erkrankten Statthalter S. E. Cfr. Dr. Michael Schnieders vertrat, verband seine Festansprache mit der Bitte um dessen Genesung. Er begrüßte zahlreiche Ehrengäste, darunter die Statthalter von Österreich und Luxemburg, S. E. Cfr. Dr. Werner Johler und S. E. Cfr. Jacques Klein, sowie Sami El-Yousef mit seiner Ehefrau Irene. Mit Blick auf das bevorstehende Ende der Amtszeit der gegenwärtigen Ordensleitung erinnerte Giese an das Leitwort „Geistliche Heimat, lebendige Gemeinschaft, stetige Hilfe“, das deren Wirken seit 2019 geprägt habe. Dieser Auftrag bleibe auch über personelle Veränderungen hinaus bestehen.

Im Namen der Neuinvestierten dankte Csr. Karin Thillmann aus der Komturei St. Matthias Trier allen, die ihre Aufnahme vorbereitet und begleitet hatten. Das abgelegte Ordensversprechen solle künftig Leitlinie ihres Lebens sein. Die neuen Damen und Ritter wollten ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft im Glauben, in Demut und in der Unterstützung der Menschen im Heiligen Land verwirklichen.

(c) oessh.net / Dr. Thomas SItte
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Das Jerusalemkreuz als Zeichen der Hoffnung

Mit einem feierlichen Gottesdienst fanden die dreitägigen Feierlichkeiten am Sonntag ihren Abschluss. Cfr. Domkapitular Dr. Markus Nicolay, Dekan des Pastoralen Raumes Trier und Mitglied der Komturei St. Matthias, griff in seiner geistlichen Ansprache das Leitwort „Zusammenkommen, um zu hören“ nochmals auf. Die Begegnungen und Gottesdienste hätten Gelegenheit gegeben, auf Gottes Wort und aufeinander zu hören. Besonders die Botschaft Sami El-Yousefs habe die schwierige Situation der Christen im Heiligen Land und ihre Hoffnung vor Augen geführt. Das Jerusalemkreuz sei für die Mitglieder des Ordens deshalb nicht nur Zeichen ihrer Verpflichtung, sondern auch Ausdruck christlicher Zuversicht.

In seiner Predigt stellte S. E. Weihbischof em. Franz Josef Gebert die göttliche Gnade und die Verantwortung des Menschen in den Mittelpunkt. Gottes Gnade werde allen Menschen geschenkt, bedürfe aber der persönlichen Mitwirkung, um im Alltag wirksam zu werden. Mit dem Bild einer Orgel, deren unterschiedliche Pfeifen erst durch das Zusammenwirken von Luftstrom und Instrument zum Klingen gebracht werden, verdeutlichte er, wie jeder Einzelne seinen Beitrag zum Heilswerk Gottes leisten könne. „Wir sind Beschenkte, aber wir sind keine bloß passiven Objekte der göttlichen Gnade“, erinnerte der Weihbischof. Auch der Dienst des Ritterordens an den Christen im Heiligen Land sei Ausdruck dieser Bereitschaft, den Glauben in konkretes Handeln umzusetzen.

(c) oessh.net / Dr. Thomas SItte

Für die 24 neuen Damen und Ritter beginnt mit der Investitur ein Weg, auf dem sich die von Kardinal Marx beschriebene Verantwortung für den Nächsten im Einsatz für die Christen im Heiligen Land bewähren soll. Was dies bedeutet, hatte Sami El-Yousef bereits bei der Kapitelsitzung auf einen einfachen Satz gebracht: „Ich war für meine Brüder und Schwestern im Heiligen Land da.“

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Über den Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem

Der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem ist eine katholische Laieninstitution unter dem Schutz des Heiligen Stuhls, der auch Geistliche angehören. Seine Mitglieder verpflichten sich zu einem Leben aus dem christlichen Glauben und zur dauerhaften Unterstützung der katholischen Kirche im Heiligen Land, insbesondere des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem. Zu seinen zentralen Aufgaben gehören die Förderung christlicher Gemeinden, kirchlicher Schulen, sozialer und karitativer Einrichtungen sowie die Hilfe für bedürftige Menschen in Israel, Palästina, Jordanien und Zypern. Der weltweit tätige Orden ist in nationalen Statthaltereien und Magistraldelegationen organisiert. Die Deutsche Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem fördert durch Gebet, Pilgerfahrten, Spenden und das persönliche Engagement ihrer Mitglieder die christliche Präsenz im Heiligen Land und verbindet damit geistliche Gemeinschaft mit tätiger Nächstenliebe.

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