…einen Provinzordenstag abzuhalten ist ein spannendes Unterfangen, denn was Karneval angeht, sind die sonst so einmütigen Mitglieder der Ordensprovinz Rhein-Main durchaus zweigeteilter Meinung.

Und so kam es, wie es kommen musste: „Culture-Clash“ im Haus am Dom.

Die 42 versammelten Teilnehmer – unter ihnen auch der Kanzler der deutschen Statthalterei Cfr. Ferdinand Giese – hatten begonnen, den Ordenstag durch das Rezitieren von Psalm 80 im Wechsel mit Provinzprior Dr. Georg Müller zu eröffnen und für Israel, den Weinstock Gottes, zu beten. An den Geräuschpegel der Faschings-begeisterten Menge auf dem Domplatz vor den großen Fenstern des ebenerdigen Sitzungssaales hatte man sich gerade gewöhnt, da ertönte Musik einer sich offenbar stetig nähernden Gardekapelle. Deren Lautstärke schwoll immer weiter an und übertönte schließlich die Psalmverse. Zur Überraschung aller marschierte die „Mutter aller Mainzer Garden“, die Ranzen-Garde, in den Saal ein– das heißt: sie versuchte es. Heldenhaft stellte sich der weltliche Zeremoniar der Provinz den „Eindringlingen“ entgegen, die das Gebet zu stören wagten.

Cfr. F. Giese (c) oessh.net C.Lammersdorf/M. Schulze Dieckhoff

Eine Frage des Zeitpunkts

In Anbetracht der Themen, die unsere Ordensgemeinschaft in diesen Tagen und Wochen beschäftigen, war dieser Zwischenfall natürlich eine Petitesse. Da religiöse Menschen aber zu der Weltsicht neigen, dass (fast) nichts aus Zufall geschieht und für die Mainzer ja sowieso feststeht: „Der Herrgott muss en Meenzer soi“, drängt sich im Rückblick die Frage auf, ob uns allen nicht ein Narrenspiegel vorgehalten wurde: Im Nachhinein waren sich alle einig, dass es einfach Pech beim Timing war, denn 5 Minuten vor oder nach dem Gebet wäre die launige Idee eines Confraters sicher ein voller Erfolg geworden. Vielleicht war es aber auch genau der richtige Zeitpunkt, um uns vor Augen zu führen, wie schnell selbst gut gemeinte Aktion und Reaktion zu Konflikten führen können und wie wichtig Toleranz und gegenseitiger Respekt sind. Manchmal kann es hilfreich sein, sich selbst – auch wenn es gerade unpassend ist – zurückzunehmen und der anderen Seite zuzuhören…

Der Einstieg in das Wochenende – das Land, das ich dir zeigen werde

Alles in allem also ein durchaus passender Einstieg in ein Wochenende, welches unter dem Thema: „…das Land, das ich dir zeigen werde…“ (Gen 12,1) stand. „Heiliges“ Land, in dem am 7. Oktober 2023 ein seit Jahrzenten schwelender Konflikt eine neue Eskalationsstufe erreicht hat – und in dem die Arbeit des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem wichtiger denn je ist.

Ein kurzer Rückblick

So begann Präsidentin Ricarda Schulze Dieckhoff ihren Bericht mit dem Hinweis auf die nur wenige Tage vor ihrem Start abgesagte Pilgerfahrt der Provinz ins Heilige Land und lenkte den Blick auf den dortigen Ausnahmezustand, vor dem ein sachlicher Jahres-Bericht über das Geschehen in der Ordensprovinz Rhein-Main zur Nebensache wird. Nichtsdestotrotz zeugen Investituren, Statistik, Personalia, begangene und geplante Pilgerreisen sowie die Berichte aus den Komtureien von einer lebendigen Provinz bestehend aus 105 Rittern, 33 Damen und 20 Geistlichen mit einem Durchschnittsalter von 65 Jahren. Erinnert wurde an die verstorbenen Confratres Großkreuz-Ritter Michael Hornberg und Ritter Randolf Stich. Ihren Bericht schloss Csr. Schulze Dieckhoff mit der traditionellen Erinnerung an die Säulen der Ordensgemeinschaft Beten-Pilgern-Opfern und dem Aufruf zu einem großzügigen Adventsopfer.

Ein passender Vortrag zum Thema „Heiliges Land“

(c) oessh.net C.Lammersdorf/M. Schulze Dieckhoff

Für den darauffolgenden Vortrag hatte man Frau Prof.in Dr.in theol. habil. Melanie Peetz gewinnen können, die an Theologischen Hochschule St. Georgen den Lehrstuhl für Einleitung in die Heilige Schrift und Exegese des Alten Testaments leitet. Zum oben erwähnten Thema des Ordenstages beschäftigte sie sich mit der Bedeutung des Begriffes „Heiliges Land“ in der Bibel. Welch brisante Aktualität ihr Vortrag durch die jüngsten Ereignisse erhalten sollte, konnte bei der schon vor Monaten erfolgten Themenwahl niemand ahnen. Umso interessanter waren nun die Ausführungen von Prof. Dr. Peetz, die ausgehend von dem ersten Auftauchen des Begriffes „Land“ in Gen 1,1 die „Landverheißung als roter Faden der Tora“ im Pentateuch über die „Erfüllung der Landnahme im Buch Josua“ bis zur „Heimkehrer-Verheißung bei den Propheten“ beleuchtete und in einem kleinen Exkurs die Bezeichnung „Erez Israel“ auch geographisch-historisch zu fassen suchte. Insbesondere der letzte Aspekt veranschaulichte, dass – zumindest in der Bibel – der Begriff „Heiliges Land“ weniger geographisch-politisch zu verstehen ist, sondern vielmehr als Symbol für einen Raum der Gottesbeziehung und Erfüllung der Tora, eine Gabe Gottes, die Leben und Lebensentfaltung ermöglicht und Leib und Leben sichern soll. Ihren überaus interessanten Vortrag beendete Prof. Dr. Peetz mit dem hoffnungsvollen Ausblick der Textstelle Micha 4, 1-5: „…Denn von Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem. Er wird Recht schaffen zwischen vielen Völkern…und sie erlernen nicht mehr den Krieg…“

Vesper von der Kirche

Das offizielle Programm des Tages beschloss die „Vesper von der Kirche“ (GL 653) in der Kapelle des Erbacher Hofes. In einer kurzen Homilie zum Hymnus „Eine große Stadt ersteht“ (GL 479), dem Lieblings-Kirchenlied seiner Kindheit, führte Provinz-Prior Dr. Georg Müller die Anwesenden gedanklich in den Sehnsuchtsort „himmlisches Jerusalem“. Im Anschluss bestand beim gemütlichen Beisammensein reichlich Gelegenheit zum Gedankenaustausch und Kennenlernen von neuen Ordensgeschwistern über die Komtureigrenzen hinweg, eine Option, die nicht wenige bis weit nach Mitternacht nutzten.

Eine Direktschaltung nach Jerusalem ins Heilige Land

Am nächsten Morgen verband ein Online-Meeting die Mainzer Teilnehmer live mit dem Heiligen Land. Dr. Ralf Rothenbusch, Leiter des Paulus-Hauses in Jerusalem, schaltete sich aus Tabgha zu, wo am Vortrag das „Brotvermehrungsfest“ mit dem Patriarchen gefeiert worden war. Seine Schilderungen der Ereignisse seit dem 7. Oktober und viele Hintergrund Informationen vermittelten intensive Einblicke in die Situation vor Ort.

Die heilige Messe vor dem Mittagessen wurde vom neuen Geistlichen Zeremoniar der Statthalterei, Spiritual Dr. Wolfgang Hartmann zelebriert. In ihrem Mittelpunkt das Evangelium von den klugen Jungfrauen, ein wohlbekanntes Bild, das auch musikalisch durch die Choräle „Wachet auf“ (GL 554) und „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ (GL 357) von Cfr. Dr. Georg Vancura an der Orgel aufgegriffen wurde. In seiner Predigt ging Cfr. Dr. Hartmann unter anderem auf das Öl ein, das die klugen Jungfrauen nicht teilen wollen. Für Christen, die gerade den Festtag des Hl. Martin gefeiert haben und Ritter und Damen, die zum Opfern aufgerufen sind, scheint dieses Verhalten einen durchaus negativen Beigeschmack zu haben. Cfr. Dr. Hartmann hingegen interpretierte das Öl als Symbol für Kontemplation, die eigene, innige, persönliche Beziehung zu Gott. Diese Beziehung fordere „Sammlung“, d.h. ungeteilte Aufmerksamkeit – zumindest für die Zeit der Begegnung mit Gott.

Alles nur eine Frage von Zeit und Aufmerksamkeit….

Hier schließt sich der Kreis zum Auftakt des Provinztages, an dem die Kontemplation des Psalm-Gebetes mit Mainzer Frohsinn kollidierte: Alles nur eine Frage von Zeit und Aufmerksamkeit….

Am Elften im Elftem um Elf Uhr Elf,
(es woar e weng später, des weiß au Frau Helff)
die Meenzer Ranzengarde sich auf de Weg gemacht
zu bringe den Rittern ´nen Gruß der Fasenacht.
„Wider den tierischen Ernst“ – ´ne tolle Idee!
Frohsinn in ernste Zeite, bos wär des schee!
Doch ´s „Timing“ – mit dem is es halt immer so e Sach,
zum Psalm passt grad net so‘n Faschingskrach.
Die Verwirrung war groß und gute Rat teuer,
die einfach Lösung uns net so geheuer:
Vom Psalm zum „Helau“ –  DER Weg war zu weit,
´s war halt Pech, eine Frage der Zeit.
Den Ranzen-Gardisten ein „SORRY“ wir sagen,
mutig, den Einmarsch bei Rittern zu wagen!
DANKE trotz allem, wir wissen’s ja au,
DER HERRGOTT IS MEENZER, SHALOM un HELAU!

OESSH Deutsche Statthalterei

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