Kloster St. Marienthal, Ostritz, 13. bis 15. März 2026
Text: Cfr. Dr. Christian Schleithoff, Komturei Pius X, Berlin
„Aus den Quellen des Lebens“
„Aus den Quellen des Lebens“ war das Thema der Besinnungstage der Ordensprovinz Ostdeutschland, die vom 13. bis 15. März 2026 im Kloster St. Marienthal in Ostritz im Freistaat Sachsen stattfanden. Mehr als 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen vier Komtureien der Ordensprovinz Ostdeutschland – Magdeburg, Dresden/Görlitz, Erfurt und Berlin – waren hierzu angereist, darunter auch Kandidatinnen und Kandidaten, Gäste sowie Partnerinnen und Partner.
Eine Quelle des Lebens kann nur etwas Wichtiges und Grundlegendes sein: das Wort Gottes, der Glaube, das Gebet, gute Menschen und prägende Vorbilder, gemeinsame Aktivitäten und Erlebnisse, Pilgerfahrten, das Gefühl von Zusammengehörigkeit und anderes mehr. Ziel der Besinnungstage war es, diese Quellen bewusst zu machen, sie in der Selbstreflexion zu betrachten und sich darüber gegenseitig auszutauschen.
St. Marienthal als Ort der Sammlung
St. Marienthal ist ein Kloster der Zisterzienserinnen in der äußersten südöstlichen Ecke der Ordensprovinz Ostdeutschland. Es wurde 1234 gegründet. Die Wahl dieses Ortes war bewusst getroffen. St. Marienthal ist aufgrund seiner Lage ein idealer Platz für Ruhe, Zu-sich-selbst-Kommen und Besinnung in der Fastenzeit.
Das Kloster bietet ausgezeichnete Bedingungen, um die Mitglieder des Ritterordens als geistliche Gemeinschaft im Rahmen solcher Besinnungstage zu formen und weiterzuentwickeln. St. Marienthal ist als Ort des Glaubens spirituell anregend; die Anlage des Klosters ist großzügig, die Räumlichkeiten sind gut, und die Gastfreundschaft der Schwestern ist hervorragend.
Die Kraft, Tiefe und Nachhaltigkeit der Spiritualität, die von diesem Ort ausgeht, wurde auch bei der 750-Jahr-Feier des Klosters im Jahr 1984 deutlich, als sich mehr als 20.000 Katholiken aus der damals noch bestehenden DDR in St. Marienthal versammelten, um dieses Jubiläum gemeinsam zu feiern.
Geistlicher Rahmen und gemeinsames Gebet
Den inhaltlichen Rahmen der Besinnungstage bildeten drei Impulsvorträge: ein interkultureller sowie zwei theologische Impulse, die sich mit der Heiligen Schrift und dem Ordensleben als Quellen des Lebens befassten. Hinzu kamen gemeinsame Stundengebete mit den Schwestern sowie geistliche Impulse des Priors der Ordensprovinz, Cfr. Dr. Hansjörg Günther, zum Thema der Besinnungstage.
Den Abschluss bildete eine gemeinsame Heilige Messe im Ordensmantel in der architektonisch beeindruckenden Klosterkirche mit den Schwestern, Kandidatinnen und Kandidaten, Gästen sowie Gläubigen vor Ort.

Besinnungstage an wechselnden Orten
Anders als früher, als sich die Ordensmitglieder häufig am selben Ort in der „geografischen Mitte“ der Ordensprovinz Ostdeutschland trafen, finden die Besinnungstage seit einiger Zeit jedes Jahr an einem anderen Ort und abwechselnd in allen Komtureien statt.
Die Ordensprovinz Ostdeutschland ist flächenmäßig groß. Dieser Ansatz gewährleistet, dass die Ordensmitglieder nicht nur die landschaftliche, sondern auch die – trotz der Diasporasituation – christliche Vielfalt der Ordensprovinz und ihrer Komtureien kennenlernen.
Gemeinschaft als Quelle der Stärkung
Das Zusammensein bei Mahlzeiten, Kaffeepausen, gemeinsamen Spaziergängen und den beiden geselligen Abenden trug ebenfalls dazu bei, bestehende Kontakte und das gegenseitige Verständnis zu vertiefen, den Austausch zu fördern und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder der Ordensprovinz Ostdeutschland zu stärken. Dies galt nicht nur für die Damen und Ritter des Ordens, sondern auch für die Kandidatinnen und Kandidaten sowie die Gäste.
Die Stärkung dieses Zusammengehörigkeitsgefühls ist besonders wichtig, da der Ritterorden in diesem Teil Deutschlands in einer ausgeprägten Diasporasituation agiert. So wie die Komtureien der Ordensprovinz Ostdeutschland zur gegenseitigen Unterstützung bei der Ausrichtung der Investituren in Dresden und Magdeburg zusammengerückt sind, um die organisatorischen Herausforderungen trotz geringer Mitgliederzahlen in den einzelnen Komtureien zu stemmen – viele Komtureien der Ordensprovinz Ostdeutschland zählen nur 10 bis 20 Damen und Ritter –, so sind auch die in dieser Weise organisierten Besinnungstage ein wichtiges Element der Selbstvergewisserung und Orientierung und damit eine Quelle des Glaubens und der Kraft.
Gelebte Subsidiarität in der Ordensprovinz
Gleiches gilt für das Zusammenwirken der Komtureien bei anderen gemeinsamen Aktivitäten. Dem Präsidenten der Ordensprovinz Ostdeutschland, Dr. Klaus Särchen, ist es ein wichtiges Anliegen, dass nicht nur die Ordensprovinz und ihre Leitung neue Initiativen oberhalb der Komtureiebene ergreifen, sondern dass sich die Komtureien auch untereinander selbst organisieren und zusammenarbeiten.
Hilfreich ist dabei, dass es vielfältige private Kontakte der Damen und Ritter des Ritterordens über die Grenzen der Komtureien hinweg gibt. Dies ist Ausdruck eines gelebten Subsidiaritätsprinzips: Man kennt sich, und man hilft sich.
Solidarität mit dem Heiligen Land
Dieses Engagement von unten nach oben zeigt sich auch an Pilgerreisen, die im vergangenen Jahr trotz schwieriger Bedingungen ins Heilige Land unternommen wurden. Das Pilgern in größeren Gruppen war und ist weiterhin mit Risiken verbunden. Dennoch haben sowohl die Leitung der Ordensprovinz Ostdeutschland als auch einzelne Mitglieder von Komtureien das kalkulierte Wagnis auf eigenes Risiko auf sich genommen und sind ins Heilige Land gereist.
Gerade in diesen schwierigen Zeiten ist das Vor-Ort-Sein und die konkrete, unmittelbar gelebte christliche Solidarität für die Menschen im Heiligen Land wichtig. Ein Brief, ein Telefonat oder eine Videokonferenz helfen natürlich auch; eine physische Präsenz vor Ort wirkt jedoch nachhaltiger.
Eine kleine, aber wachsende Gemeinschaft
Die Ordensprovinz Ostdeutschland ist mit 71 Damen und Rittern vergleichsweise klein – aber sie wächst. Alle Komtureien waren mit Kandidatinnen und Kandidaten vertreten. Sechs von sieben Kandidatinnen und Kandidaten waren bei den Besinnungstagen anwesend, sodass es Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen gab.
Die Ordensgemeinschaft der Damen und Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem wird in der Ordensprovinz Ostdeutschland damit in nächster Zeit um rund zehn Prozent wachsen. Dies ist sehr erfreulich, zeigt es doch die Attraktivität des Ritterordens in einer nicht oder nur wenig christlich und katholisch geprägten ostdeutschen Umwelt.
Im Vergleich zu vielen westdeutschen Bundesländern ist das „katholische Potenzial“ in den ostdeutschen Bundesländern und bei den Menschen, die dort leben, geringer, da die Frohe Botschaft hier nicht in dem Maße angenommen wird, wie wir uns das als Christen wünschen. Dieses Potenzial wird vom Ritterorden jedoch umso intensiver genutzt. In absoluten Zahlen ist die Mitgliedschaft von Damen und Rittern in Ostdeutschland klein; gemessen an der Gesamtzahl der Katholiken in Ostdeutschland ist die Mitgliedschaft im Ritterorden jedoch deutlich höher als in vielen Ordensprovinzen im Westen Deutschlands.
Marienthal im Dreiländereck
Drei Impulsvorträge beleuchteten das Thema der Besinnungstage aus unterschiedlichen Perspektiven. Den Auftakt bildete die interkulturelle Perspektive von Gregor Schaaf-Schuchard von der Stiftung Internationales Begegnungszentrum St. Marienthal. Sein Thema lautete: „Marienthal im Dreiländereck – Die interkulturelle Situation zwischen Polen, Tschechien und Deutschland und Perspektiven für Europa“.
Das Dreiländereck Polen–Tschechien–Deutschland unterscheidet sich von den anderen Dreiländerregionen um Aachen und Basel. Seine gemeinsame neuere Geschichte begann erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und ist daher noch vergleichsweise jung.
Einerseits machen die Menschen dort weiterhin Grenzlanderfahrungen, insbesondere in sprachlicher Hinsicht wird die Grenze nach wie vor als spürbar empfunden. Andererseits entsteht ein sich zunehmend entwickelnder Verflechtungsraum mit allen damit verbundenen wirtschaftlichen Potenzialen und Chancen. Weitergehend sind bereits die kulturellen Verbindungen in diesem Dreiländereck, die vielfältig, enger und historisch tiefer verwurzelt sind. Diese gegenseitigen Beeinflussungen aus unterschiedlichen kulturellen, historischen und europapolitischen Perspektiven können eine Quelle der Weiterentwicklung hin zu einem größeren gemeinsamen Lebensraum sein.
Die Heilige Schrift als Quelle
Der zweite Impuls mit dem Thema „Die Heilige Schrift als Quelle – die Losungen der Herrnhuter“ kam von Bischof Theodor Clemens von der Herrnhuter Brüdergemeine.
Die Herrnhuter sehen sich in erster Linie in der Tradition des böhmischen „Vorreformators“ Jan Hus, der von 1369 bis 1415 lebte. Hus trat für eine einfache, nicht nach weltlicher Macht strebende Kirche ein. Aufgrund seines Kirchen- und Glaubensverständnisses wurde er auf dem Konzil von Konstanz verurteilt und anschließend hingerichtet. Durch politische Entwicklungen im 18. Jahrhundert in Böhmen wurden die Herrnhuter von dort vertrieben und fanden in der Lausitz Schutz und Zuflucht beim Grafen von Zinzendorf. Der kleine Ort Herrnhut mit rund 3.500 Einwohnern ist bis heute Zentrum dieser mittlerweile weltweit verbreiteten Glaubensgemeinschaft.
Die Herrnhuter Brüdergemeine sieht in der Heiligen Schrift die entscheidende Quelle des Lebens. Dies wird besonders an den „Losungen“ für jeden Tag deutlich. Diese enthalten jeweils eine von 1.300 Aussagen des Alten Testaments, kombiniert mit einem thematisch passenden Lehrtext aus dem Neuen Testament sowie einem Gebet oder Lied.
Die „Losungen“, die einmal im Jahr wie Lose gezogen werden, haben in den vergangenen Jahren weltweite Verbreitung erfahren und werden in 50 Sprachen übersetzt. Sie sind für viele Christen, darunter auch viele Katholiken, ein fester Orientierungspunkt im geistlichen Leben. Diese Losungen sind jedoch kein Orakel, das man lebenspraktisch einfach befragen kann, sondern eine Ansprache Gottes, die in einem geistlichen Prozess der „Unterscheidung der Geister“ zu reflektieren ist.
Neben den Losungen sind die Herrnhuter auch wegen ihres bekannten „Herrnhuter Sterns“ präsent, der in der Advents- und Weihnachtszeit an und in vielen Häusern in Deutschland zu sehen ist. Auch er ist ein Symbol für Suche, Orientierung und christliche Ausrichtung auf Gott hin.
Zugleich gibt es an diesem „Losungskonzept“ auch Kritik, da einzelne Aussagen aus ihrem biblischen Kontext herausgelöst werden. Dies kann zu Missverständnissen und Missdeutungen führen.
Das Ordensleben als geistliche Quelle
Der dritte Impuls zu den Quellen des Lebens kam von Pater Dr. Johannes Müller, der Zeugnis von seinem Leben als Mönch der Zisterzienser gab.
Die Regel des heiligen Benedikt, die Heilige Schrift, das Chorgebet und die strenge Eingliederung in eine lebenslange Mönchsgemeinschaft sind wesentliche Elemente dieser Lebensform. Insbesondere das strikte Gemeinschaftsgebot, die Pflicht zur mönchischen Gemeinschaft – stabilitas loci – sowie das gemeinsame Feiern der Liturgie bilden die geistlichen Grundlagen dieses Ordens.
Das „hörende Herz“ – auf Gott bezogen – ist ein zentraler Begriff der benediktinischen Spiritualität. Es bedeutet, sich von Gott persönlich ansprechen zu lassen. Gemeint ist dabei weniger ein rein verstandesmäßiges Hören, sondern ein ganzheitliches, tieferes und empathisches Verstehen.
Blick auf die Christen im Heiligen Land
In der Kapitelsitzung, an der auch Kandidatinnen, Kandidaten und Gäste teilnehmen konnten, entwickelte sich eine interessante Diskussion über die konkrete Schwerpunktsetzung bei der Unterstützung der Christen im Heiligen Land.
Traditionell stehen die arabischen Christen im Fokus. Durch die Migration von Christen, insbesondere aus den Philippinen und Indien, die schwerpunktmäßig im Pflegebereich, in der Industrie und in der Landwirtschaft arbeiten, haben sich jedoch neue Entwicklungen ergeben. Die Zahl der Christen, insbesondere der Katholiken, im Heiligen Land ist in den vergangenen Jahren durch diese Migration stetig gewachsen. Auch die Gemeinschaft der hebräisch sprechenden Christen wächst – von einem niedrigen Ausgangsniveau aus – kontinuierlich. Auch diese Aspekte sind bei der Unterstützung der Christen im Heiligen Land durch den Ritterorden in den Blick zu nehmen.
Kontakte zu anderen Ritterorden
Eine weitere, in der Kapitelsitzung thematisierte Frage war die Kontaktaufnahme beziehungsweise Kontaktpflege zu anderen anerkannten Ritterorden wie den Maltesern, Johannitern oder dem Deutschherrenorden. Einige Komtureien pflegen diese Kontakte bereits seit einiger Zeit.
Jeder dieser Orden hat seine eigene Mission und seinen eigenen Auftrag. Zugleich eint sie alle die gemeinsame geistliche Grundlage des Christentums.
Quellen des Lebens für den Alltag
Was bleibt und was die Damen, Ritter und Gäste der Ordensprovinz Ostdeutschland aus diesen Besinnungstagen als „Quelle des Lebens“ mitnehmen, entscheidet jede und jeder selbst. Sicher aber werden Gott, der in der Bibel zu uns spricht, das Gebet sowie Gottes- und tätige Nächstenliebe – unsere Antworten auf diese Ansprache Gottes – von zentraler Bedeutung sein.
Ebenso sind die Gemeinschaft und die christlichen Werte, die auf diesen Bibelworten ruhen und von den Mitgliedern des Ritterordens gemäß ihrem besonderen Auftrag in konkreter Weise für die Menschen im Heiligen Land gelebt und umgesetzt werden, eine Quelle des Lebens und der Kraft.
