München. Der Großprior der Deutschen Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem, Reinhard Kardinal Marx, hat beim Fronleichnamsfest in München die Kirche zu öffentlicher Präsenz und gesellschaftlicher Verantwortung aufgerufen. „Wenn ihr uns braucht, sind wir für euch da“, sagte der Münchner Erzbischof am Donnerstag beim Festgottesdienst auf dem Marienplatz. An der anschließenden Prozession durch die Innenstadt nahmen bei bayerischem Kaiserwetter Tausende Menschen teil. Der Zug führte vom Marienplatz zur Ludwigskirche und zurück.
Die große Anteilnahme der Bevölkerung wurde dabei als starkes Zeichen für die Christen in der Stadt und zugleich als Ermutigung an sie sichtbar, ihren Glauben öffentlich und zugewandt zu leben. Neben zahlreichen Gläubigen nahmen auch Vertreter anderer Glaubensgemeinschaften sowie aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft an der Feier und der Prozession teil.
Marx stellte in seiner Predigt die Erinnerung an den Weg Israels durch die Wüste in den Mittelpunkt. Aufbruch beginne nicht mit einem „Punkt Null“, sondern mit Erinnerung. „Haben wir vergessen, woher wir kommen? Haben wir aus der Geschichte gelernt?“, fragte der Kardinal. Wer Erfahrungen und Geschichte verdränge, laufe Gefahr, in die Irre zu gehen.
Mit Blick auf die Gegenwart warnte Marx vor Geschichtsvergessenheit, Populismus und dem Wunsch nach einer homogenen Gesellschaft. Eine offene Gesellschaft könne „nicht nur eine Meinung haben, nicht nur eine Weltschau“, sagte der Erzbischof. Andernfalls drohe ein Rückfall in Verhältnisse, „in der einige bestimmen, was alle tun sollen“. Vom christlichen Glauben her könne dies nicht gewollt sein. Die Freiheit des Menschen nannte Marx „das große Geschenk Gottes“.
Auch aktuelle Fragen der künstlichen Intelligenz griff der Kardinal auf. Der Mensch sei „nicht nur eine Datenbasis, die optimiert wird“. Künstliche Intelligenz könne in einzelnen Bereichen intelligenter sein als der Mensch, „aber sie ist kein Mensch“. Sie könne nicht aus sich heraus zwischen Gut und Böse unterscheiden. Entscheidend sei deshalb, dass Menschen gemeinsam Regeln fänden und Verantwortung übernähmen. „Wir müssen miteinander reden. Wir brauchen den Dialog. Wir brauchen die Regeln“, sagte Marx.
Die Eucharistie deutete der Erzbischof als Erinnerung und Gegenwart zugleich. Fronleichnam sei nicht nur ein liturgisches Hochfest, sondern ein öffentliches Glaubenszeugnis. Wenn die Kirche das Brot des Lebens durch die Straßen trage, zeige sie ihren Glauben „mit großer Freude“ und mache zugleich ein Angebot an Stadt und Gesellschaft.
Dieses Angebot fasste Marx in einem Satz zusammen: „Wenn ihr uns braucht, sind wir für euch da.“ Das gelte in Vereinen, Verbänden, sozialen Einrichtungen, Schulen und in vielen Begegnungen. Christen sollten nicht nur auf sich selbst schauen, sondern Hoffnung, Freude und Ermutigung in die Gesellschaft einbringen. „Das ist die Botschaft der Eucharistie. Das ist die Botschaft des heutigen Fronleichnamsfestes“, sagte Marx.


Nach dem Gottesdienst zog die Prozession vom Marienplatz über die Diener- und Residenzstraße zum Segensaltar an der Ludwigskirche. Von dort führte der Weg über die Ludwig-, Theatiner- und Weinstraße zurück zum Marienplatz. Begleitet von Gebet, Gesang und dem sichtbaren Zeugnis der mitziehenden Gläubigen wurde die Prozession zu einem öffentlichen Bekenntnis des Glaubens mitten in der Stadt. Am Marienplatz schloss die Feier mit dem eucharistischen Segen. Für den Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem wurde dabei zugleich sichtbar, dass öffentliches Glaubenszeugnis, geistliche Hoffnung und dienende Präsenz in der Gesellschaft zusammengehören.

