Berührende Christus-Reliquie aus dem 9. Jahrhundert
Das silberne byzantinische Abtskreuz der Reichenauer Heilig-Blut-Reliquie enthält der Überlieferung nach blutgetränkte Erde von Golgotha, Splitter vom Kreuz Christi und ein blutgetränktes seidenes Tüchlein.

„Herr, es ist gut, dass wir hier bleiben“ (nach Mt 17,4)
Wer schon an mehreren Investituren teilnehmen durfte, kennt sicherlich das Gefühl, das sich nach dem Abschlussgottesdienst am Sonntag einstellt – trotz aller Müdigkeit nach drei erfüllten und erfüllenden Tagen: Es war so schön, wie schade, dass es schon vorbei ist!
Lässt sich eine so überaus gelungene Feierlichkeit wie die Investitur mit ihren wunderschönen, sonnigen Tagen in Konstanz noch ein wenig verlängern – noch dazu durch eine Veranstaltung, die bereits um fünf Uhr in der Frühe mit drei Sequenzen eines sogenannten „Schreckenläutens“ eröffnet wird?

Pilgern auf die Reichenau
Nach zwei Pontifikalämtern und einer Pontifikalvesper bei hochsommerlichen Temperaturen – es wurde sogar von höchster Stelle Jackett-Dispens unter dem Ordensmantel erteilt – hatten einige der 100 zum Heilig-Blut-Fest angemeldeten Investiturteilnehmer offensichtlich kurzfristig entschieden, diese Frage zunächst offenzulassen …
Die Vielzahl derjenigen, die trotz ungewohnt dunkler Wolkenberge nach einer verregneten Nacht in aller Herrgottsfrühe am Montag nach dem Dreifaltigkeitssonntag auf die Reichenau pilgerten, ist sich hingegen rückblickend einig: Bewertet man die sonnenverwöhnten Investiturtage in Konstanz als spirituellen „Eisbecher mit Sahne“, so war das Heilig-Blut-Fest auf der Reichenau die „Kirsche obendrauf“. Und auch die Sonne zeigte sich wieder pünktlich bei der Ankunft am Pilgerziel St. Maria und Markus in Mittelzell.

Heiter und kaum wolkig
Gelöst und heiter war das Wiedersehen der Ordensmitglieder am Treffpunkt vor dem Rathaus. Dieses Mal wurden sie nicht von der Landes-, sondern von der „Inselregierung“ in Person des jungen Bürgermeisters Philipp Stolz empfangen und begrüßt, der erst Anfang Februar sein Amt angetreten hatte. Er öffnete den Ordensmitgliedern das Rathaus zum Anlegen der Ordenskleidung und überließ den Ordensdamen sogar das „Allerheiligste“: das Büro des Bürgermeisters, dessen barockes Schmuckportal eine Marieninschrift ziert.
Die Investiturgäste verstärkten die üblicherweise etwa 35 Personen umfassende Teilnehmergruppe des Ritterordens um ein Vielfaches und forderten das Organisationstalent des „Pilgerbeauftragten“ der Komturei Ravensburg, Cfr. Dr. Dirk Gaerte, in besonderem Maße.

Ordensmäntel, Trachten und Uniformen
Mit der Parade der Bürgerwehr auf dem Münsterplatz vor dem Rathaus und dem anschließenden Einzug ins Münster begann das offizielle Festprogramm. Dessen innerster Kern offenbarte sich nicht zuletzt in der Vielfalt der beteiligten Gruppen: Klerus in Paramenten, Bürgerwehr in Uniform, Mädchen und Frauen der Trachtengruppe mit traditionellen schwarzen Radhauben, Ritter und Damen im Ordensmantel sowie das Gottesvolk aller Altersgruppen im Festgewand, Vereinsabordnungen und Einheimische, Feriengäste und Pilger.
Den festlichen Gottesdienst untermalten Münsterchor und -orchester mit der Missa solemnis von Mozart. Das klangschön harmonierende Solistenensemble repräsentierte dabei die Vielfalt der Wallfahrer aufs Beste: Sopran in Tracht, Alt in himmelblauer Festtagsrobe, Tenor in schwarzer Chorkleidung und Bass in Uniform.

Einheit und Vielfalt – göttlicher Blutkreislauf
Einheit in der Vielfalt war auch das Thema des Zelebranten und Festpredigers, Abt Michael Reepen aus Münsterschwarzach. Wo Einheit fehle, wo es zu Auseinandersetzungen und blutigen Kriegen komme, leide der Mensch und blute das Herz. In Jesus Christus, der sein Blut am Kreuz vergoss, habe Gott alles menschliche Leid selbst erlitten. Zugleich sei Gott in Jesus Christus dadurch aber auch zum rettenden „Blutspender“ geworden, der ewiges Leben schenke. Der Mensch sei durch Taufe und Gottesdienst an den göttlichen Blutkreislauf angeschlossen und finde so Trost und Heilung in der Hoffnung auf eine neue Welt in Gerechtigkeit und Frieden.

Prozession mit stolzem Herzen, betendem Mund und kostbaren Schreinen
Mit diesen Worten im Herzen setzte sich nach der Eucharistiefeier der lange Zug der betenden Gläubigen in Bewegung. In seiner Mitte wurden die kostbaren Reliquienschreine der Heiligen Markus, Januarius, Johannes und Paulus, Genesis, Felix und Regula sowie Fortunata und das Kopfreliquiar des heiligen Bartholomäus getragen. Berührend waren auch die Gruppen kleinerer und größerer Mädchen, die sichtlich stolz blumengeschmückte Marienstatuen durch den Ort tragen durften.
Nach der zahlenmäßig imposanten Abordnung des Ritterordens folgten die Konzelebranten, unter ihnen der Beuroner Confrater Erzabt Tutilo Burger, danach der Himmel mit der Heilig-Blut-Reliquie, im Anschluss die Honoratioren mit dem Bürgermeister sowie die sieben Geistlichen des Ritterordens.
Nach der feierlichen Prozession durch den Ort, musikalisch begleitet vom Musikkorps der Bürgerwehr, wurden die Gardisten nach ihrer Rückkehr auf den Münsterplatz vom Bürgermeister verabschiedet. Auch die Ritter und Damen erhielten von Cfr. Gaerte den Befehl: „Abtreten zum Ablegen der Ordenskleidung!“

Abschied im Inselglück
Bei einem Mittagessen in der Gaststätte „Inselglück“, bei dem Reichenauer Salat, handgeschabte Spätzle und Reichenauer Wein nicht fehlen durften, ließen die Confratres und Consorores die beflügelnden Erlebnisse des vergangenen Wochenendes und die vielen Eindrücke des Heilig-Blut-Festes noch einmal Revue passieren, bevor schließlich unausweichlich endgültig Abschied genommen werden musste – versüßt durch ein abschließendes Eis: am Stiel und ohne Kirsche!

