Bericht vom Juli-Conveniat der Komturei St. Bonifatius Walldürn

Wie lebt es sich als Christ in einer Welt, die den Glauben verlernt hat? Um diese Frage kreiste das Juli-Conveniat der Komturei St. Bonifatius Walldürn, zu dem mit Tobias Haberl ein Autor zu Gast war, der sie zum Titel seines Bestsellers gemacht hat: »Unter Heiden – Warum ich trotzdem Christ bleibe«. Rund 40 Damen und Ritter waren gekommen, unter ihnen Gäste aus den Komtureien der Ordensprovinz Südwest sowie aus der benachbarten Ordensprovinz Bayern. Die Anwesenheit des Provinzpräsidenten Cfr. Dr. Joachim Desprez und des Walldürner Wallfahrtsdirektors Pater Joseph Bregula OFMConv unterstrich die Bedeutung des Abends.

Seinen geistlichen Auftakt fand das Conveniat in einer Heiligen Messe am Walldürner Blutaltar, der eigens aus diesem Anlass geöffnet worden war. Zelebrant war der Prior der Komturei, Cfr. Pfarrer Sebastian Feuerstein.

Katholisch sein in einer säkularisierten Welt

Der Leitende Komtur Cfr. Dr. Martin Seitz hieß die Gäste willkommen und zeichnete in seiner Begrüßung den Werdegang des Referenten nach: Nach dem Studium der Fächer Latein, Germanistik und Anglistik sowie seiner Ausbildung an der Hamburger Henri-Nannen-Schule kam Haberl 2005 als Redakteur zum »Süddeutsche Zeitung Magazin«. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Dass aus einem Zeitungstext einmal ein Buch werden würde, war nicht geplant, wie Haberl freimütig bekannte. Ursprünglich hatte er lediglich einen Essay für das SZ-Magazin schreiben wollen – über etwas, das ihn selbst seit Langem umtrieb: katholisch zu sein in einer säkularisierten Welt. Erst die überwältigende Resonanz auf diesen Text ermutigte ihn, dem Thema den Raum eines ganzen Buches zu geben. Zwei Quellen prägen sein Denken bis heute: die Erinnerung an die »heile Welt« seiner Kindheit im ländlich-idyllischen Bayern, wo er als Sohn eines Landarztes aufwuchs, und das Denken des Philosophen Robert Spaemann, der überzeugt war, dass die Vernunft zusammenbricht, wo Gott geleugnet wird.

(c) oessh.net / Cfr. Torsten Englert

Christen in der Defensive

Haberl beließ es an diesem Abend nicht bei einem Vortrag; ihm lag daran, mit den Anwesenden ins Gespräch zu kommen. Seine Diagnose der Gegenwart fiel pointiert aus: »Der moderne Mensch leidet darunter, dass er den Glauben verloren hat und sein Glück im Falschen sucht.« Und weiter: »Moderne Menschen besuchen hinduistische Klöster auf Bali oder machen Atemübungen im Wald – wer aber einen Gottesdienst besucht, hat nicht alle Tassen im Schrank.«

Die Christen, so Haberl, seien in die Defensive geraten: »Früher war der Glaube eine Selbstverständlichkeit, heute muss ich mich dafür rechtfertigen.« Seine Zuversicht freilich hat er darüber nicht verloren – im Gegenteil: »Alle Menschen sind auf der Suche nach Gott – sie wissen es nur nicht.« Das Buch habe letztlich auch sein eigenes Leben verändert. Die vielen Begegnungen mit Christen, die es ihm beschert habe, hätten seinen Glauben vertieft.

Wie sehr Haberls Beobachtungen den Nerv der Anwesenden trafen, zeigte die lebhafte Diskussion, die sich an die Lesung anschloss. Viele konnten aus eigener Erfahrung berichten, wie ihr Umfeld auf christliche Zeichen reagiert – etwa auf ein Kreuz im Praxisraum oder auf christliche Worte in einer Trauerkarte: häufig mit Gleichgültigkeit, bisweilen aber auch mit aufrichtiger Neugier auf die Frage, warum jemand glaubt und Zeugnis von Jesus Christus gibt.

Zugleich offenbarte das Gespräch eine tiefe Sprachlosigkeit in Fragen des Glaubens. Wie weit sie reichen kann, zeigte das Beispiel eines Paares, das in 25 Jahren Partnerschaft nie den Weg zu einem Gespräch über den Glauben gefunden hatte. Nachdenklich stimmte auch eine Studie, die Haberl anführte: Nur noch knapp ein Drittel der Deutschen glaubt demnach, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.

(c) oessh.net / Cfr. Torsten Englert

Rückgang christlicher Traditionen

Von dort weitete die Runde den Blick auf die Gesellschaft insgesamt. Das Wissen um die christliche Religion, das Schüler noch vor wenigen Jahren selbstverständlich mitbrachten, sei weitgehend verloren gegangen. Auch in den Familien würden christliche Traditionen kaum noch gepflegt.

Wohin diese Entwicklung führt, zeigt exemplarisch der »stille Sonntag«, der gegenwärtig im Zentrum politischer Auseinandersetzungen steht. Der Tenor der Diskussion: Mit der Religiosität schwinden auch Achtung und verbindliche Werte im Umgang miteinander. In einer digitalen Welt, in der fast alles möglich erscheint, verliert der Mensch den gewohnten Rhythmus seines Lebens – und mit ihm die Stille, in der die Sehnsucht nach Gott überhaupt erst spürbar wird. Am Ende, so die Sorge vieler, steht die Menschenwürde selbst auf dem Spiel.

(c) oessh.net / Cfr. Torsten Englert

Zweifel und Zuversicht

Auch mit der eigenen Kirche ging Haberl ins Gericht: Sie sei zu politisch geworden, Gott stehe kaum noch im Mittelpunkt. Dabei gehe es doch entscheidend um die Nachfolge Christi. Die Kirche dürfe nicht im Zeitgeist untergehen. Denn der Verlust des Glaubens, davon ist Haberl überzeugt, bleibe nicht ohne Folgen – auch nicht für die Demokratie.

Das große Interesse seiner Zuhörer beantwortete Haberl mit einer Zugabe: Er las aus dem letzten Kapitel seines Buches, in dem er sich seinen eigenen Glaubenszweifeln stellt, die ihn bisweilen überkommen. Sein Fazit versöhnte Zweifel und Zuversicht: Der Zweifel sei ein »Düngemittel des Glaubens«.

Der Leitende Komtur Cfr. Dr. Martin Seitz dankte dem Gast mit herzlichen Worten für einen eindrucksvollen Abend und überreichte ihm einen Präsentkorb. Beim gemeinsamen Essen fand der Gedankenaustausch schließlich seine gesellige Fortsetzung.

(c) oessh.net / Cfr. Torsten Englert
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